Immer früher arbeiten, immer später in Rente – und am Ende soll das gerecht sein? Genau darum tobt derzeit eine hitzige Debatte in der Rentenpolitik: Der Renteneintritt soll nicht mehr primär vom Alter, sondern stärker von der Zahl der Beitragsjahre abhängen. Azubi mit 16, Studium mit 20, Master mit 27 – wer wann startet, könnte künftig über Jahrzehnte über sein Rentenschicksal mitentscheiden. Warum dieses Modell für viele wie ein Fairness-Versprechen klingt, aber ausgerechnet junge Menschen, Studierende, Fachkräfte aus dem Ausland und Menschen mit Brüchen im Lebenslauf hart treffen würde – alle Hintergründe, Beispiele und Kritikpunkte gibt es hier bei Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e. V.
Was hinter dem neuen Rentenvorschlag steckt
Der aktuelle Vorschlag aus SPD- und CDU/Unions-Kreisen knüpft den Renteneintritt an eine bestimmte Zahl von Beitragsjahren – im Raum stehen 45 Jahre – statt an ein starres Alter wie 67. Wer früh ins Berufsleben einsteigt, etwa mit 16 eine Ausbildung beginnt und durchgehend einzahlt, soll so deutlich früher ohne Abschläge in Rente gehen können als jemand, der erst nach Studium oder längerer Qualifizierung einsteigt.
Unterstützung erhält das Modell unter anderem vom Ökonomen Jens Südekum, der den Vorschlag als gerechter bewertet als pauschale Rentenalter-Erhöhungen auf 69 oder 70 Jahre. Auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) signalisiert Sympathie und spricht davon, dass Menschen, die früh einzahlen, früher „aussteigen“ können sollen, während Späteinsteiger entsprechend länger arbeiten müssten.
Warum das für junge Menschen zum Problem wird
Auf den ersten Blick klingt die Idee wie eine Anerkennung harter Lebensarbeit: Wer früh schuftet, darf früher aufhören. Doch bei genauerer Betrachtung wird klar, dass das Modell gerade jene benachteiligt, die lange in ihre Bildung investieren oder aus anderen Gründen später ins System einsteigen.
Betroffen wären besonders:
- Studierende und Akademiker, deren Berufseinstieg sich durch Abitur, Studium und eventuelle Weiterbildung um mehrere Jahre nach hinten verschiebt.
- Ausländische Fachkräfte, die erst nach Ausbildung oder Studium im Heimatland nach Deutschland kommen und hier später Beitragsjahre sammeln.
- Menschen mit Care-Pausen, etwa für Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen, deren Biografien durch Unterbrechungen und Teilzeit geprägt sind.
- Personen mit längeren Arbeitslosigkeitsphasen oder Zeiten in Minijobs, die entweder nicht oder nur reduziert als Beitragsjahre zählen.
Für viele Jüngere würde das praktisch bedeuten: Ein später Start ins Berufsleben müsste mit längeren Arbeitsjahren bis nahe an die 70 oder darüber hinaus bezahlt werden, selbst wenn sie fachlich hochqualifiziert sind.
Konkrete Beispiele – wer gewinnt, wer verliert
Wie ungleich der Vorschlag wirken kann, zeigt der Blick auf typische Erwerbsbiografien.
- Beispiel Handwerker: Wer mit 16 eine Ausbildung beginnt und 45 Jahre ohne längere Unterbrechung arbeitet, könnte mit 61 oder 62 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen.
- Beispiel Ärztin oder Ingenieurin: Nach Abitur, Studium und eventuell Promotion beginnt der Berufseinstieg häufig erst Ende 20; bis 45 Beitragsjahre voll sind, kann das Rentenalter realistisch deutlich jenseits der 70 liegen.
Sozialforscher und Ökonomen kritisieren, dass das Modell gerade akademische Laufbahnen und längere Bildungswege faktisch abwertet, weil investierte Bildungsjahre rentenrechtlich kaum honoriert werden. Während eine teilzeitbeschäftigte Hilfskraft mit früher Ausbildung bereits im Ruhestand wäre, müsste eine examinierte Pflegekraft, die nach dem Abitur in die Ausbildung geht, deutlich länger arbeiten – obwohl ihr Job körperlich und psychisch besonders belastend ist.
Kritik: Neue Ungerechtigkeiten statt großer Wurf
Die Einwände gegen das Modell kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen – von Sozialforschern über Ökonomen bis hin zu Vertreterinnen der Opposition.
- Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände bezeichnet den Vorschlag als „Neuauflage der Rente mit 63“, nur unter neuem Etikett, und warnt vor zusätzlichen Kosten und Fehlanreizen.
- Ökonom Marcel Fratzscher kritisiert, der Ansatz verringere nicht die „Alarmstufe“ im Rentensystem, sondern schaffe zusätzliche Ungleichheiten und verstärke die Umverteilung von jung zu alt.
- Linken-Politikerinnen sprechen von einem „vergifteten“ Vorschlag, der das ohnehin komplexe System noch unübersichtlicher mache und bestimmte Gruppen systematisch benachteilige.
Auch innerhalb der SPD rumort es: Parteistimmen warnen davor, das Renteneintrittsalter von der Lebenserwartung abzukoppeln und stattdessen auf starre Beitragsjahre zu setzen, solange Ausbildungszeiten, Care-Arbeit und Qualifizierung nicht angemessen berücksichtigt werden.
Ein Rentensystem unter Druck
Die Debatte kommt nicht zufällig jetzt: Deutschland altert rasant, die Babyboomer gehen in Rente, und das Umlagesystem steht finanziell unter Druck. Mit dem jüngst verabschiedeten Rentenpaket soll das Rentenniveau von 48 Prozent über 2025 hinaus stabilisiert werden – was die Finanzierungslast für die jüngere Generation ohnehin erhöht.
Gleichzeitig steigt das Regelrenteneintrittsalter nach geltender Rechtslage bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre, nur besonders langjährig Versicherte schaffen es heute schon früher in den Ruhestand. Eine vom Bund eingesetzte Rentenkommission soll bis Mitte 2026 Vorschläge für eine Reform vorlegen – der Streit um die Koppelung des Eintrittsalters an Beitragsjahre ist damit erst der Auftakt einer viel größeren Systemdebatte.
Die zentrale Frage lautet: Wie lässt sich ein gerechtes, finanzierbares Rentensystem gestalten, das sowohl körperlich hart arbeitende Frühstarter schützt als auch Bildungswege, Familienarbeit und Brüche im Lebenslauf fair einpreist – ohne die junge Generation einseitig zu belasten?


