Grundsicherung im Alter auf Rekordhoch: 771.275 Rentner sind auf das Sozialamt angewiesen

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Noch nie haben so viele Menschen im Rentenalter ergänzende Sozialhilfe gebraucht: Ende März 2026 waren es 771.275, wie aus einer Antwort der Bundesregierung hervorgeht. Gleichzeitig verharrt der Regelsatz seit 2024 bei 563 Euro, während Mieten und Energiepreise weiter steigen. Die amtliche Sozialhilfestatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt seit Jahren dieselbe Richtung.

Neuer Höchststand nach Anfrage im Bundestag

Die neuen Zahlen stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten René Springer; Ende 2020 hatte die Zahl der Bezieher noch bei 564.110 gelegen, was einem Anstieg um 36,7 Prozent entspricht. Innerhalb von gut fünf Jahren sind damit rund 207.000 Menschen hinzugekommen, die ihren Lebensunterhalt im Alter nicht mehr aus Rente, Ersparnissen oder sonstigem Einkommen bestreiten können.

Der Trend hat sich auch nach dem Stichtag fortgesetzt. Nach den aktuell abrufbaren Daten des Statistischen Bundesamtes bezogen im Juni 2026 bereits 773.735 Menschen Grundsicherung im Alter. Zum Jahresende 2025 hatte Destatis noch rund 764.000 Bezieherinnen und Bezieher gemeldet, ein Plus von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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Ausländeranteil wächst deutlich schneller

Politisch brisant ist vor allem die Aufteilung nach Staatsangehörigkeit. Die Zahl ausländischer Empfänger stieg von 152.320 Ende 2020 auf 279.275 Anfang 2026 und damit um 83,3 Prozent. Rechnerisch hat damit gut 36 Prozent aller Bezieher keinen deutschen Pass. Die Zahl deutscher Empfänger erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 411.790 auf 492.000, ein Plus von 19,5 Prozent.

StichtagBezieher insgesamtdavon Deutschedavon AusländerAusländeranteil
Ende 2020564.110411.790152.320rund 27 Prozent
Ende 2025764.065488.670275.395rund 36 Prozent
Ende März 2026771.275492.000279.275rund 36 Prozent

Ein wesentlicher Grund für den Sprung liegt in einer Gesetzesänderung des Jahres 2022. Seit Juni 2022 erhielten hilfebedürftige Flüchtlinge aus der Ukraine Leistungen nach SGB II oder SGB XII statt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Ältere Geflüchtete, die die Altersgrenze erreicht haben und keine deutschen Rentenansprüche besitzen, landen damit automatisch in der Grundsicherung im Alter. Entsprechend deutlich fiel der Anstieg in diesem einen Jahr aus: Die ausländischen Empfänger stiegen von 157.670 im Dezember 2021 auf 215.205 im Dezember 2022, ein Zuwachs von 36,5 Prozent.

Hinzu kommt ein strukturelles Muster: Wer erst im mittleren Lebensalter nach Deutschland kommt, sammelt weniger Beitragsjahre und erreicht seltener eine auskömmliche Rente. Die Bundesregierung selbst warnt allerdings vor vorschnellen Schlüssen. Aus der Staatsangehörigkeit allein lässt sich keine einzelne Ursache für den Anstieg ableiten.

Auch bei Deutschen reicht die Rente immer öfter nicht

Der Fokus auf die Herkunft verdeckt leicht, dass auch die Zahl deutscher Bezieher seit Jahren klettert. Als Treiber gelten niedrige Renten nach unterbrochenen oder gering entlohnten Erwerbsbiografien, die Alterung der Bevölkerung sowie steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten. Betroffen sind überdurchschnittlich häufig Frauen, die wegen Kindererziehung, Pflege oder Teilzeit nur geringe Ansprüche aufbauen konnten.

Ein Teil des Anstiegs hat paradoxerweise mit einer sozialpolitischen Verbesserung zu tun. Seit Einführung der Grundrente gilt ein Freibetrag: Wer mindestens 33 Jahre an Grundrentenzeiten nachweist, darf einen Teil der Rente behalten, ohne dass er voll auf die Grundsicherung angerechnet wird. Der Freibetrag beträgt 100 Euro plus 30 Prozent des darüber liegenden Rentenbetrags, höchstens jedoch die Hälfte der Regelbedarfsstufe 1, derzeit also 281,50 Euro. Eine Sprecherin der Deutschen Rentenversicherung führte den Zuwachs bei Altersrentnern mit Grundsicherung hauptsächlich auf diese Freibetragsregelung zurück. Menschen, deren Rente knapp über dem Bedarf lag, sind dadurch erstmals anspruchsberechtigt geworden.

Wie schnell eine kleine Rente in die Bedürftigkeit führt, zeigt ein Rechenbeispiel: Eine alleinstehende Rentnerin erhält nach 28 Versicherungsjahren 790 Euro Rente im Monat und zahlt 510 Euro Warmmiete. Ihr Bedarf aus Regelsatz und angemessenen Wohnkosten liegt bei 1.073 Euro. Das Sozialamt stockt in diesem Fall um 283 Euro auf. Ohne Antrag fehlt dieses Geld schlicht in der Haushaltskasse.

Kosten für den Bund fast verdoppelt

Weil die Grundsicherung im Alter vollständig aus Steuermitteln finanziert wird und der Bund die Nettoausgaben erstattet, schlägt der Anstieg direkt auf den Haushalt durch. Die Nettoausgaben stiegen von rund 3,3 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf rund 6,2 Milliarden Euro im Jahr 2025. Springer leitet daraus Forderungen nach strengeren Zugangsregeln ab: Er fordert höhere Zugangshürden und längere Wartezeiten für steuerfinanzierte Sozialleistungen. Kritiker halten dagegen, dass solche Hürden in erster Linie ältere Menschen ohne andere Einkommensquelle treffen würden.

Parallel zeigt eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit, wie viele Ältere noch vor der Rentengrenze auf Unterstützung angewiesen sind: Im Juni 2026 erhielten insgesamt 406.209 Menschen ab 60 Jahren Bürgergeld, darunter 130.815 Ausländer. Viele von ihnen werden mit Erreichen der Altersgrenze in die Grundsicherung im Alter wechseln, sofern ihre Rente nicht ausreicht.

Was sich politisch gerade bewegt

Die neuen Zahlen fallen in eine Phase, in der gleich mehrere Weichen gestellt werden. Zum 1. Juli 2026 sind die gesetzlichen Renten gestiegen; der aktuelle Rentenwert stieg um 4,24 Prozent von 40,79 Euro auf 42,52 Euro, wie die Bundesregierung mitteilt. Für Grundsicherungsbezieher hat das allerdings eine Kehrseite: Jede Rentenerhöhung wird, abgesehen vom Freibetrag, auf die Grundsicherung angerechnet. Unterm Strich bleibt bei vielen kaum etwas übrig.

Der Regelsatz selbst liegt für Alleinstehende im dritten Jahr in Folge bei 563 Euro. Für 2027 plant die Bundesregierung eine Neuermittlung auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2023. Das Kabinett hat den Entwurf zum Haushaltsbegleitgesetz 2027 bereits am 6. Juli 2026 beschlossen; er legt lediglich die künftige Berechnungsmethode fest. Verbindliche Euro-Beträge für 2027 gibt es noch nicht. Zugleich arbeitet die Koalition an einer grundlegenden Reform der Alterssicherung; die Haltelinie von 48 Prozent für das Rentenniveau wurde mit dem Rentenpaket 2025 bis 2031 verlängert. Details zur Rentenanpassung und ihren Faktoren erläutert die Deutsche Rentenversicherung.

Die wichtigsten Fragen zur Grundsicherung im Alter

Wer hat Anspruch auf Grundsicherung im Alter?

Anspruch haben Menschen, die die gesetzliche Altersgrenze erreicht haben und ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen und Vermögen decken können. Im Dezember 2025 lag diese Altersgrenze bei 66 Jahren und 2 Monaten. Eine vorherige Einzahlung in die Rentenversicherung ist nicht Voraussetzung.

Wie hoch ist die Grundsicherung im Alter 2026?

Für Alleinstehende gilt die Regelbedarfsstufe 1 mit 563 Euro im Monat. Dazu übernimmt das Sozialamt die angemessenen Kosten für Unterkunft und Heizung sowie gegebenenfalls Mehrbedarfe. Eigenes Einkommen wie die Rente wird abgezogen, für Menschen mit mindestens 33 Grundrentenjahren gilt ein Freibetrag von bis zu 281,50 Euro.

Warum steigt der Anteil ausländischer Bezieher so stark?

Ein großer Teil des Anstiegs geht auf den Rechtskreiswechsel für Geflüchtete aus der Ukraine im Juni 2022 zurück. Ältere Geflüchtete ohne deutsche Rentenansprüche beziehen seither Grundsicherung im Alter statt Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Hinzu kommen kürzere Versicherungsbiografien bei Zugewanderten.

Müssen Kinder für die Grundsicherung ihrer Eltern zahlen?

In aller Regel nicht. Unterhaltsansprüche gegenüber Kindern werden bei der Grundsicherung im Alter erst geltend gemacht, wenn deren jährliches Gesamteinkommen 100.000 Euro übersteigt. Diese Schwelle trägt dazu bei, dass mehr ältere Menschen die Leistung überhaupt beantragen.

Kommentar: Die Debatte über die Herkunft lenkt vom eigentlichen Problem ab

Die Rekordzahl ist ein Warnsignal, aber nicht in erster Linie eines über Migration. Natürlich gehört zur ehrlichen Analyse, dass die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter die Statistik seit 2022 sichtbar verändert hat. Wer jedoch nur auf den Pass der Betroffenen schaut, übersieht, dass auch knapp eine halbe Million Deutsche trotz oft jahrzehntelanger Arbeit ihren Lebensabend nicht ohne Sozialamt bestreiten können. Höhere Zugangshürden würden daran nichts ändern, sondern lediglich Not verschieben. Die eigentliche Aufgabe liegt woanders: bei Niedriglöhnen, die heute die Altersarmut von morgen produzieren, bei Wohnkosten, die kleine Renten auffressen, und bei einem Regelsatz, der seit drei Jahren eingefroren ist. Solange die Rentenreform diese Fragen nicht beantwortet, wird die nächste Rekordmeldung nur eine Frage der Zeit sein.

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