Plauderkasse bei Rewe in Berlin-Tegel: Zweimal pro Woche Zeit für Gespräche

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Rund jede elfte Person ab 43 Jahren fühlt sich sehr einsam, armutsgefährdete Menschen liegen laut Deutschem Alterssurvey klar über dem Schnitt. Die Forschenden nennen fehlendes Geld als Hürde für Teilhabe. Eine Plauderkasse in einem Rewe-Markt in Berlin-Tegel setzt bei einer Gelegenheit an, die nichts extra kostet: dem Wocheneinkauf.

Plauderkasse in Tegel: Zeiten, Ort und Beteiligte

Der Markt liegt in der Ernststraße 7 im Berliner Ortsteil Tegel. Nach Angaben des Bezirksamts Reinickendorf ist dort jeden Dienstag von 10 bis 12 Uhr und jeden Donnerstag von 14 bis 16 Uhr eine Kasse als Plauderkasse besetzt. In diesen vier Stunden pro Woche gehört ein Gespräch beim Bezahlen ausdrücklich dazu. Das Bezirksamt beschreibt das Angebot als offen für alle Generationen und frei von Zeitdruck.

Eröffnet haben die Kasse Marktbetreiber Viet Nguyen, Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner und die bezirkliche Einsamkeitsbeauftragte Katharina Schulz. Getragen wird das Projekt von Nguyen und seinem Team, der Bezirk zählt es zu seiner Einsamkeitsstrategie. Laut Bezirksamt ist es die erste Plauderkasse in Tegel. Die Idee stammt aus den Niederlanden, wo die Supermarktkette Jumbo vor einigen Jahren eine „Kletskassa“ eingeführt hat.

Einsamkeit im Alter hängt stark am Einkommen

Die Zahlen zum Hintergrund liefert eine Auswertung des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), die das Bundesfamilienministerium im Juli 2025 vorgestellt hat. Grundlage sind die Befragungen des Alterssurveys aus den Jahren 2017 und 2023 mit gut 9.600 Fällen. Gemessen wird auf einer Skala von 1 („gar nicht einsam“) bis 4 („sehr einsam“). 9,3 Prozent der Befragten lagen über 2,5 und gelten damit als sehr einsam.

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GruppeEinsamkeitswert (Skala 1 bis 4)
Armutsgefährdete Haushalte2,00
Mittleres Einkommen1,83
Höheres Einkommen1,69
Personen ab 76 Jahren1,77
Alle Befragten ab 43 Jahren1,82

Zwischen armutsgefährdeten Menschen und Menschen mit höherem Einkommen liegen 0,32 Punkte. Der Abstand ist deutlich größer als zwischen den Altersgruppen oder zwischen Männern und Frauen. Als armutsgefährdet gilt in der Studie, wer weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Nettoeinkommens hat. Für die Befragung 2023 lag diese Schwelle bei 1.019 Euro im Monat. Die Forschenden erklären den Zusammenhang unter anderem damit, dass knappes Geld die Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten erschwert.

Beim Alter fällt das Ergebnis anders aus, als viele vermuten würden. Menschen ab 76 Jahren, die noch in einer eigenen Wohnung leben, fühlten sich im Schnitt etwas weniger einsam als 43- bis 65-Jährige. Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen erfasst der Survey allerdings nur unzureichend. Bei Rentnerinnen und Rentnern ab 66 Jahren machte es keinen messbaren Unterschied, ob sie neben der Rente noch arbeiten.

Warum der Supermarkt als Treffpunkt taugt

Mit dem Ruhestand fallen tägliche Kontakte am Arbeitsplatz weg. Nach Einschätzung des DZA können gleichaltrige Freundinnen und Freunde diese Lücke im Rentenalter oft schließen. Als Risiken im hohen Alter nennt das Institut vor allem Verwitwung und gesundheitliche Einschränkungen. Wo das eigene Netz dünner wird, fehlen schlicht die Anlässe für ein Gespräch.

Der Einkauf ist für die meisten älteren Menschen ein fester Termin in der Woche. Er kostet keinen Eintritt und setzt keine Anmeldung voraus. Wer im selben Viertel einkauft, trifft häufig dieselben Kassiererinnen und Kassierer. Die Plauderkasse nutzt diese Routine, ohne dass sich jemand als einsam zu erkennen geben muss.

Reinickendorf baut weitere Anlaufstellen auf

Die Plauderkasse ist eines von mehreren Angeboten, die das Bezirksamt mit örtlichen Geschäften organisiert. In Laufers Café-Bistro in der Heinsestraße 37 trifft sich montags um 9 Uhr ein Frühstücksstammtisch gegen Einsamkeit, mittwochs um 14 Uhr eine Kaffeerunde. Die Buchhandlung am Fellbacher Platz bietet Lesungen und ein kleines Lesezimmer. Beteiligte Betriebe tragen das Logo des Bezirks.

Auf Bundesebene hat das Kabinett im Dezember 2023 eine Strategie gegen Einsamkeit beschlossen. Laut Bundesfamilienministerium haben die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag vereinbart, diese Strategie fortzuschreiben und bestehende Netzwerke zu unterstützen. Konkrete Beträge für Angebote in den Kommunen nennt die Mitteilung nicht.

Was die Plauderkasse leisten kann

Ob das Angebot Einsamkeit messbar verringert, ist nicht untersucht. Zahlen zur Nutzung hat der Bezirk bislang nicht veröffentlicht. Vier Stunden pro Woche in einem einzelnen Markt erreichen zudem nur Menschen, die noch selbst einkaufen gehen. Wer pflegebedürftig ist oder die Wohnung kaum verlässt, ist auf andere Wege angewiesen, etwa Besuchsdienste oder die Silbernetz-Hotline für Menschen über 60, deren Reichweite das DZA bis Juni 2026 untersucht hat.

Häufige Fragen zur Plauderkasse

Wann ist die Plauderkasse im Rewe-Markt in Tegel geöffnet?

Laut Bezirksamt Reinickendorf jeden Dienstag von 10 bis 12 Uhr und jeden Donnerstag von 14 bis 16 Uhr. Der Markt liegt in der Ernststraße 7 in 13509 Berlin. Außerhalb dieser Zeiten läuft der Kassenbetrieb wie üblich.

Kostet das Gespräch an der Plauderkasse etwas?

Nein. Bezahlt wird nur der eigene Einkauf. Eine Anmeldung oder Mitgliedschaft ist nicht nötig, das Angebot steht allen Kundinnen und Kunden offen.

Ab welchem Einkommen gelten Rentner als armutsgefährdet?

In der Auswertung des Deutschen Alterssurveys lag die Schwelle für 2023 bei 1.019 Euro netto im Monat für eine allein lebende Person. Maßstab sind 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens. Andere Statistiken arbeiten mit eigenen Datenquellen und kommen daher auf leicht abweichende Werte.

Welche Angebote gegen Einsamkeit gibt es in Reinickendorf noch?

Der Bezirk listet unter anderem Stammtische in Laufers Café-Bistro in der Heinsestraße 37, montags um 9 Uhr und mittwochs um 14 Uhr. Die Buchhandlung am Fellbacher Platz lädt zu Lesungen ein. Ansprechpartnerin im Bezirksamt ist die Einsamkeitsbeauftragte Katharina Schulz.

Einschätzung der Redaktion

Die Plauderkasse ist eine kluge und günstige Idee. Sie erreicht Menschen dort, wo sie ohnehin hingehen, und verlangt kein Eingeständnis, einsam zu sein. Für Rentnerinnen und Rentner mit wenig Geld zählt genau das. Die Daten des Alterssurveys zeigen aber deutlich, dass Einsamkeit im Alter stark vom Einkommen abhängt. Ein freundliches Wort an der Kasse ändert nichts daran, dass Café, Fahrkarte zum Seniorentreff oder Vereinsbeitrag für viele zu teuer bleiben. Wer Einsamkeit ernsthaft verringern will, muss Teilhabe auch finanziell absichern. Projekte wie in Tegel verdienen Nachahmer. Die Debatte über auskömmliche Renten ersetzen sie nicht.

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