Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa für die „Bild am Sonntag“ (Juni 2026) offenbart eine beunruhigende Realität: Fast jeder zweite Erwachsene in Deutschland spart privat kein zusätzliches Geld für die Altersvorsorge – weder auf dem Sparbuch noch in Aktien oder Fonds. Das geschieht ausgerechnet in dem Moment, in dem der Gesetzgeber mit dem Altersvorsorgereformgesetz die größte Reform der privaten Altersvorsorge seit Jahrzehnten auf den Weg gebracht hat.
Was die Insa-Umfrage zeigt
42 Prozent der Befragten gaben an, keinerlei private Rücklagen für das Alter zu bilden. 49 Prozent legen hingegen Geld zurück, neun Prozent machten keine Angabe. Damit fehlt fast der Hälfte der Bevölkerung eine der drei Säulen, auf die das deutsche Altersicherungssystem aufgebaut ist.
Mit Blick auf die Zukunft der gesetzlichen Rente wird der Wunsch nach staatlicher Unterstützung deutlich: 28 Prozent der Befragten halten eine Erhöhung des Steuerzuschusses zur Rentenkasse für die geeignetste Maßnahme zur Systemstabilisierung. 18 Prozent sprechen sich für höhere Beitragssätze der Beschäftigten aus, 15 Prozent würden langsamer steigende Renten akzeptieren. Eine automatische Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung lehnen hingegen 58 Prozent der Befragten klar ab, nur 28 Prozent befürworten sie.
Warum viele nicht sparen können – und nicht wollen
Die Gründe für die ausbleibende private Vorsorge sind vielfältig. Eine repräsentative Erhebung des Vergleichsportals Verivox nennt niedrige Löhne als meistgenannte Ursache für eine unzureichende Altersabsicherung – 42 Prozent der Befragten sehen darin ein zentrales Hindernis. Wer wenig verdient, in Teilzeit arbeitet oder Erwerbspausen einlegt, kann schlicht kein Geld zurücklegen, egal wie attraktiv staatliche Fördermodelle auch sein mögen.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Laut dem Altersvorsorge-Report 2025 von Deutscher Bank und DWS legt fast jeder Dritte (31 Prozent) überhaupt nichts für den Ruhestand beiseite. Weitere 23 Prozent schaffen es, monatlich höchstens 50 Euro anzusparen. Das bedeutet: Etwa die Hälfte der Bevölkerung sorgt kaum oder gar nicht privat vor – und das, obwohl 83 Prozent der Befragten die gesetzliche Rente nicht mehr für zukunftssicher halten.
Besonders auffällig ist das Verhalten der jüngeren Generation: Rund 61 Prozent der unter 30-Jährigen haben bislang keine private Vorsorge getroffen. Gleichzeitig empfinden 73 Prozent der Deutschen das Thema Altersvorsorge als persönlichen Stressfaktor.
Gesetzliche Rente: Rentenanpassung 2026 und Haltelinie bis 2031
Während die private Vorsorge stagniert, hat die Bundesregierung bei der gesetzlichen Rente zuletzt wichtige Signale gesetzt. Zum 1. Juli 2026 steigen die Renten um 4,24 Prozent – von einem aktuellen Rentenwert von 40,79 Euro auf 42,52 Euro. Von dieser Anpassung profitieren rund 21,5 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland.
Grundlage ist das Rentenpaket 2025, mit dem die Haltelinie von 48 Prozent beim Rentenniveau bis 2031 verlängert wurde. Das bedeutet: Der gesetzliche Rentenwert wird jährlich so angepasst, dass das Rentenniveau nicht unter diese Marke fällt. Langfristig bleibt die Frage jedoch unbeantwortet, wie das System nach 2031 finanziert werden soll.
Das neue Altersvorsorgedepot ab 2027: Reform ist beschlossene Sache
Die politische Antwort auf die Vorsorgelücke ist das Altersvorsorgereformgesetz – und es hat inzwischen alle parlamentarischen Hürden genommen. Der Bundestag beschloss die Reform am 27. März 2026, der Bundesrat stimmte am 8. Mai 2026 zu. Das Gesetz trat Ende Mai 2026 in Kraft, die neuen Produkte sind ab dem 1. Januar 2027 verfügbar.
Das Herzstück der Reform ist das Altersvorsorgedepot, das die Riester-Rente als staatlich gefördertes Vorsorgemodell ablöst. Es ermöglicht Investitionen in ETFs, Fonds und Anleihen – ohne die bisherige Beitragsgarantie und damit mit höheren Renditechancen.
Die staatliche Förderung wurde neu strukturiert und deutlich vereinfacht:
| Eigenbeitrag pro Jahr | Staatliche Zulage |
|---|---|
| Bis 360 Euro | 50 % (bis zu 180 Euro) |
| 360 bis 1.800 Euro | 25 % (bis zu 360 Euro) |
| Maximale Grundzulage | bis zu 540 Euro jährlich |
| Kinderzulage (bis 300 Euro Eigenbeitrag) | 100 % (bis zu 300 Euro je Kind) |
| Bonus für Berufseinsteiger unter 25 | einmalig 200 Euro |
Bestehende Riester-Verträge genießen Bestandsschutz und können unverändert weitergeführt werden. Ab 2027 können keine neuen Verträge nach dem alten Riester-Modell mehr abgeschlossen werden. Ein freiwilliger Wechsel in das neue Altersvorsorgedepot ist jedoch möglich, ohne bereits erhaltene Förderung zurückzahlen zu müssen.
Neu ist außerdem: Selbstständige und Mitglieder berufsständischer Versorgungswerke (etwa Ärztinnen und Ärzte) können ab 2027 erstmals von der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge profitieren.
Frühstart-Rente: Staatliche Förderung schon ab dem sechsten Lebensjahr
Parallel zum Altersvorsorgedepot plant die Bundesregierung die sogenannte Frühstart-Rente: Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren sollen monatlich 10 Euro staatliche Förderung in ein Altersvorsorgedepot erhalten. Das Gesetzgebungsverfahren läuft noch im Jahr 2026. Die Auszahlung für den Jahrgang 2020 soll rückwirkend zum 1. Januar 2026 erfolgen.
Das Problem bleibt: Wer kein Geld hat, kann nicht sparen
Trotz aller Reformbemühungen bleibt ein zentrales Dilemma ungelöst: Die Menschen, die am dringendsten private Vorsorge bräuchten, haben oft keine finanziellen Spielräume dafür. Der Sozialverband VdK fordert daher eine Stärkung der gesetzlichen Rente, die solidarische Ausgleichselemente wie Grundrente, Kindererziehungszeiten und Pflegezeiten biete – Elemente, die die private Altersvorsorge nicht ersetzen könne.
Auch das Sparverhalten der Deutschen, die tatsächlich vorsorgen, gibt Anlass zur Sorge: Die Mehrheit parkt ihr Geld nach wie vor auf Tagesgeld- oder Sparbuchkonten statt in renditestarken Anlagen. Laut einer Frühjahrsumfrage des Verbands der Privaten Bausparkassen nennen zwar 59 Prozent der Befragten die Altersvorsorge als Hauptsparmotiv – doch gleichzeitig berichten 41 Prozent, wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten weniger für das Alter tun zu können als noch 2023 oder 2024.
FAQ: Private Altersvorsorge und das neue Altersvorsorgedepot
Wann startet das neue Altersvorsorgedepot?
Das Altersvorsorgereformgesetz ist Ende Mai 2026 in Kraft getreten. Die neuen Produkte – darunter das Altersvorsorgedepot – können ab dem 1. Januar 2027 abgeschlossen werden. Bundestag und Bundesrat haben der Reform im Frühjahr 2026 zugestimmt.
Was passiert mit meinem bestehenden Riester-Vertrag?
Bestehende Riester-Verträge genießen Bestandsschutz und laufen ohne Änderungen mit der bisherigen Förderung weiter. Ab 2027 können allerdings keine neuen Verträge nach dem alten Riester-Modell mehr abgeschlossen werden. Ein freiwilliger Wechsel in das neue Altersvorsorgedepot ist möglich.
Wie hoch ist die staatliche Förderung beim Altersvorsorgedepot?
Die Grundzulage beträgt 50 Prozent auf Eigenbeiträge bis 360 Euro und 25 Prozent auf Beiträge bis 1.800 Euro jährlich – insgesamt also maximal 540 Euro pro Jahr. Eltern erhalten zusätzlich eine Kinderzulage von bis zu 300 Euro je Kind, wenn der Eigenbeitrag mindestens 300 Euro pro Jahr beträgt.
Steigen die gesetzlichen Renten 2026?
Ja. Zum 1. Juli 2026 steigen die Renten um 4,24 Prozent. Der aktuelle Rentenwert erhöht sich von 40,79 Euro auf 42,52 Euro. Die gesetzlich verankerte Haltelinie sichert das Rentenniveau bis 2031 bei mindestens 48 Prozent.
