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Neue ifo-Studie zeigt, warum die Deutschen notwendige Reformen blockieren

Die Kasse ächzt, die Gesellschaft altert – und doch sagt die Mehrheit Nein zu den dringendsten Rentenreformen. Was das für Löhne, Beiträge und Ihre Zukunft bedeutet, zeigt dieser Artikel.

Die meisten Menschen in Deutschland wissen, dass die gesetzliche Rente unter massivem Druck steht – aber genau die Reformen, die das System stabilisieren sollen, lehnen sie mehrheitlich ab. Eine neue Studie des ifo Instituts zeigt: Wenn es konkret wird – höheres Rentenalter, langsamere Rentensteigerungen, mehr Eigenverantwortung – kippt die Zustimmung dramatisch. Was das für Beschäftigte, Rentnerinnen und Rentner, die junge Generation und die Politik bedeutet, welche Szenarien drohen und welche Alternativen es gibt, alle Infos findet man hier auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e. V.

Was die ifo-Studie wirklich zeigt

Das ifo Institut hat rund 4.900 Erwachsene in Deutschland online befragt, wie sie zu zwei zentralen Rentenreformen stehen. Abgefragt wurden: eine Kopplung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung und geringere Rentenanstiege, also Renten, die langsamer steigen als Löhne und Gehälter.

Auf einer Skala von 0 (stimme gar nicht zu) bis 10 (stimme voll zu) landeten beide Vorschläge im Durchschnitt nur zwischen zwei und drei Punkten – ein klares Signal der Ablehnung. Gleichzeitig betonen die ifo-Forscher, dass genau diese Schritte aus ihrer Sicht notwendig sind, um die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung zu sichern.

Warum Reformen als „unpopulär, aber nötig“ gelten

Die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren gerät durch den demografischen Wandel immer stärker unter Druck: Weniger Beitragszahler, mehr Rentenempfänger, längere Rentenbezugszeiten. Ohne Reformen könnte der Beitragssatz nach Berechnungen von ifo-Experten von aktuell 18,6 Prozent bis etwa 2050 auf bis zu 22 Prozent steigen. Das würde Beschäftigte und Arbeitgeber finanziell spürbar belasten und den Bundeshaushalt, der bereits Milliarden in die Rentenkasse zuschießt, weiter ans Limit bringen.

Rechtlich ist der Auftrag klar: Nach § 154 SGB VI muss die Rentenversicherung dauerhaft finanziert werden, während politisch zugleich ein stabiles Rentenniveau (Stichwort Haltelinien) versprochen wird. Um diese Ziele gleichzeitig zu erreichen, diskutieren Expertinnen und Experten seit Jahren drei Hebel – höheres Rentenalter, höhere Beiträge, gedämpfte Rentensteigerungen.

Rentenalter, Rentenniveau, Beiträge – was die Menschen wirklich wollen

Die Studie zeigt ein Spannungsverhältnis: Eine große Mehrheit hält eine grundlegende Rentenreform für nötig, lehnt aber zentrale Maßnahmen zur Stabilisierung ab.

  • Längeres Arbeiten: Eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung findet wenig Zustimmung, obwohl Fachleute sie als entscheidend ansehen.
  • Weniger starke Rentenanstiege: Vorschläge, dass Renten langsamer steigen als Löhne, werden ebenfalls überwiegend abgelehnt.
  • Rentenkürzungen: Rund drei Viertel der Befragten sprechen sich in anderen Umfragen klar gegen Rentenkürzungen aus.
  • Sicheres Rentenniveau: Etwa 60 Prozent finden es richtig, das Rentenniveau zu sichern, auch wenn das hohe Kosten bedeutet.

Zustimmung gibt es eher für strukturelle Änderungen, die als „gerechter“ wahrgenommen werden: So befürwortet eine deutliche Mehrheit, Beamte, Selbstständige und Abgeordnete in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Auch ein Renteneintritt nach Beitragsjahren statt starrem Lebensalter stößt laut Umfragen auf mehr Zustimmung.

Demografie, Wahlrecht und das Dilemma der Politik

Ein zentraler Punkt der ifo-Analyse: Viele unterschätzen, wie alt die Wählerschaft in Deutschland bereits ist. Die Befragten schätzten den Unterschied zwischen den über 55-Jährigen und den unter 25-Jährigen bei den Wahlberechtigten auf etwa 25 Prozentpunkte – tatsächlich beträgt er rund 38 Prozentpunkte.

Das hat Folgen: Eine starke Gruppe älterer Wahlberechtigter kann Reformen ausbremsen, die vor allem der jungen und künftigen Generation nützen würden. ifo-Forscher weisen darauf hin, dass selbst die zusätzliche Vermittlung von Fakten in der Studie die Reformbereitschaft kaum erhöht hat – bei politisch rechts Orientierten sank die Zustimmung zu den Reformen sogar weiter.

Für die Politik bedeutet das ein gefährlicher Spagat: Die Bundesregierung muss die langfristige Finanzierbarkeit sichern (u. a. Vorgaben aus der Rentenversicherung, Bundeshaushalt, Schuldenbremse im Grundgesetz) und zugleich Rücksicht auf eine alternde Wählerschaft nehmen.

Was droht ohne Kurswechsel – und welche Optionen bleiben

Die Warnungen sind deutlich: Ohne einschneidende Reformen steigen die Beitragssätze, die Bundeszuschüsse wachsen und drängen andere Ausgaben – etwa für Bildung, Klimaschutz oder innere Sicherheit – zurück. Für Jüngere drohen höherer Abgabendruck, geringere Netto-Löhne und die Gefahr, später selbst mit einem niedrigeren Rentenniveau zurechtkommen zu müssen.

Diskutiert werden daher mehrere Reformpfade, die sich kombinieren lassen:

  • Rentenalter dynamisch an die Lebenserwartung knüpfen, um die Bezugsdauer zu begrenzen.
  • Rentenanpassungsformeln anpassen, etwa über Dämpfungsfaktoren, wie sie im SGB VI bereits angelegt sind.
  • Beitragssätze moderat erhöhen und zugleich betriebliche und private Vorsorge stärken (z. B. geförderte Riester-/Rürup-Alternativen, betriebliche Entgeltumwandlung).
  • Den Versichertenkreis erweitern, etwa durch Einbeziehung weiterer Berufsgruppen, um die Finanzierungsbasis zu verbreitern.

Parallel mahnen Sozialverbände und Experten, dass jede Reform sozial abgefedert werden muss – etwa durch besondere Schutzregeln bei Erwerbsminderung (§§ 43 ff. SGB VI) oder langjährig Versicherte, die physisch kaum länger arbeiten können.

Was Bürger jetzt beachten sollten

Auch wenn der Gesetzgeber noch ringt, die Richtung ist klar: Längere Lebensarbeitszeit, mehr Eigenverantwortung bei der Vorsorge und ein wachsender Konflikt um die Verteilung der öffentlichen Mittel. Für Beschäftigte bedeutet das:

  • Frühzeitig private und betriebliche Vorsorge prüfen, etwa über Arbeitgeberangebote oder geförderte Produkte, Informationen dazu gibt etwa die Deutsche Rentenversicherung und das BMAS.
  • Den eigenen Versicherungsverlauf kontrollieren und Lücken schließen, um Ansprüche aus der gesetzlichen Rente zu sichern (Auskunft über die Deutsche Rentenversicherung, § 109 SGB VI).
  • Tarifabschlüsse und politische Debatten zum Rentenniveau (Sicherungsniveau) aufmerksam verfolgen, da sie direkt über künftige Renten entscheiden.

Die zentrale Botschaft der ifo-Studie bleibt: Deutschland weiß, dass die Rente reformiert werden muss – aber viele lehnen genau die Instrumente ab, die das System auf Dauer stabil halten könnten. Wie Politik und Gesellschaft dieses Spannungsfeld lösen, wird über die finanzielle Zukunft von Millionen Menschen entscheiden.

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