Zehn-Punkte-Plan für mehr Jobs: Niedersachsen will Menschen mit Behinderung besser in Arbeit bringen

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Fast 16.000 Menschen mit Schwerbehinderung in Niedersachsen sind arbeitslos gemeldet, gleichzeitig suchen Betriebe händeringend Personal. Ein neuer Zehn-Punkte-Plan des Landes soll diesen Widerspruch auflösen. Der vollständige Maßnahmenkatalog des niedersächsischen Sozialministeriums zeigt, wie konkret die Pläne inzwischen sind – und wer schon jetzt Kritik daran übt.

Warum das Thema gerade jetzt wichtig wird

Niedersachsens Arbeits- und Sozialminister Dr. Andreas Philippi hat gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbänden einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, der mehr Menschen mit Behinderung in den regulären Arbeitsmarkt bringen soll. Hintergrund ist eine auffällige Schieflage: Im Juni 2026 waren allein in Niedersachsen rund 15.800 Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet, während viele Unternehmen gleichzeitig über einen akuten Fachkräftemangel klagen. Ihre Arbeitslosenquote liegt bei rund 12 Prozent, verglichen mit etwa 7,6 Prozent bei Menschen ohne Behinderung.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) in Niedersachsen begrüßt den Plan grundsätzlich, mahnt aber eine schnelle Umsetzung an. „Menschen mit einer Behinderung haben genauso viel Fachwissen und Motivation wie andere. Sie auf dem regulären Arbeitsmarkt zu beschäftigen, ist nicht nur im Hinblick auf gleichberechtigte Teilhabe wichtig, sondern in Zeiten des Fachkräftemangels dringend notwendig“, sagt SoVD-Vorstand Dirk Kortylak.

Was der Zehn-Punkte-Plan konkret vorsieht

An einem eigens einberufenen Runden Tisch haben sich das Sozialministerium, die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, die Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit, das Integrationsamt sowie kommunale Spitzenverbände, Wohlfahrtsverbände, der DGB und die Unternehmerverbände Niedersachsen auf einen gemeinsamen Maßnahmenkatalog verständigt. Im Kern geht es um drei Bausteine:

Bestehende Beratungs- und Förderangebote für Arbeitgebende und schwerbehinderte Menschen sollen sichtbarer und leichter zugänglich gemacht werden. Zusätzlich sind neue finanzielle Anreize für Einstellung und Beschäftigung geplant, etwa eine Praktikumsprämie, da Praktika häufig der erste Schritt in eine feste Beschäftigung sind. Und die regionale Netzwerkarbeit zwischen Arbeitsagentur, Integrationsamt und Betrieben soll ausgebaut werden.

Besonders bemerkenswert: Das Land prüft aktuell ein neues, länderspezifisches Sonderprogramm für sogenanntes „Job-Carving“ – dabei wird ein Arbeitsplatz gezielt auf die Fähigkeiten einer Person mit Behinderung zugeschnitten, statt umgekehrt die Person in ein starres Stellenprofil zu pressen. In den USA ist dieses Modell bereits seit den 1990er-Jahren etabliert. „Auch wir sollten das massiv fördern“, fordert Kortylak.

Auch das bestehende Landesprogramm „Arbeit ohne Hindernisse“ soll überarbeitet werden. Es fördert unbefristete Beschäftigungsverhältnisse für schwerbehinderte Menschen aus Mitteln der Ausgleichsabgabe durch einen degressiven Lohnkostenzuschuss.

Was der Lohnkostenzuschuss bedeuten kann

Die folgende Beispielrechnung zeigt, wie sich ein solcher Zuschuss über die Förderdauer auswirken könnte, wenn ein Betrieb eine Person mit Schwerbehinderung unbefristet einstellt.

FördermerkmalBeschäftigte unter 55 JahrenBeschäftigte ab 55 Jahren
Maximaler Lohnkostenzuschussbis zu 70 Prozentbis zu 80 Prozent
Maximale Fördersumme gesamtbis zu 42.000 Eurobis zu 52.000 Euro
Zusätzliche Fahrtkostenhilfein Härtefällen möglichin Härtefällen möglich

Die tatsächliche Höhe hängt vom Einzelfall, dem Gehalt und der Dauer des Beschäftigungsverhältnisses ab. Die Förderkonditionen sollen laut Ministerium angesichts gestiegener Lohnkosten in den kommenden Monaten aktualisiert werden.

Kritik: Zwei Lücken im Plan

So sehr der SoVD die Initiative lobt, so klar benennt der Verband auch, was fehlt. Zum einen fehle eine bessere Verzahnung mit den Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM). „Die Übergangsquote in den ersten Arbeitsmarkt ist bislang viel zu gering“, kritisiert Kortylak.

Zum anderen werde das Potenzial kleiner Unternehmen zu wenig genutzt. Gerade dort sei die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung in den vergangenen Jahren um rund 33 Prozent gestiegen – freiwillig, ohne gesetzliche Verpflichtung. „Hier gibt es also positive Erfahrungswerte, die wir dringend nutzen müssen“, so der SoVD-Vorstand. Sein Fazit: Die guten Vorschläge müssten jetzt schnell umgesetzt und an manchen Stellen noch nachgebessert werden.

Auch die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Annetraud Grote, unterstreicht die Dringlichkeit: Menschen mit Behinderungen wollten nicht neben dem Arbeitsmarkt stehen, sondern gehörten selbstverständlich in die Arbeitswelt hinein.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Menschen mit Schwerbehinderung sind in Niedersachsen von Arbeitslosigkeit betroffen?

Im Juni 2026 waren in Niedersachsen rund 15.800 Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet. Ihre Arbeitslosenquote liegt mit etwa 12 Prozent deutlich über der Quote von Menschen ohne Behinderung, die bei rund 7,6 Prozent liegt.

Was ist mit „Job-Carving“ gemeint?

Beim Job-Carving wird eine Stelle nicht nach einem starren Anforderungsprofil besetzt, sondern gezielt so zugeschnitten, dass sie zu den Fähigkeiten einer Person mit Behinderung passt. In den USA wird dieses Prinzip bereits seit den 1990er-Jahren angewendet, in Deutschland gilt es bislang als wenig verbreitet.

Welche finanzielle Unterstützung gibt es bereits für Arbeitgebende?

Über das niedersächsische Programm „Arbeit ohne Hindernisse“ können Betriebe für unbefristete Beschäftigungsverhältnisse einen degressiven Lohnkostenzuschuss aus der Ausgleichsabgabe erhalten. Die genaue Förderhöhe richtet sich nach Alter und Einzelfall der beschäftigten Person; die Konditionen sollen demnächst überarbeitet werden. Details dazu liefert die Bundesagentur für Arbeit.

Was fordert der Sozialverband SoVD zusätzlich?

Der SoVD Niedersachsen fordert eine engere Verzahnung mit den Werkstätten für Menschen mit Behinderung, um mehr Übergänge in den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Außerdem solle das Land das Know-how kleiner Unternehmen stärker nutzen, da dort die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung freiwillig und deutlich gestiegen sei.

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