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Wegfall der Minijobs: Wie ein radikaler Schritt Menschen in echte, sozialversicherte Arbeit bringen könnte

Ein weitgehender Wegfall von Minijobs (mit Ausnahmen etwa für Schüler, Studierende und Rentner) würde das deutsche Erwerbssystem grundlegend verändern und könnte tatsächlich dazu beitragen, versteckte Arbeitskraftreserven zu mobilisieren. Ohne die „Deckelung“ im Minijob-System wären mehr Menschen faktisch gezwungen – und zugleich motiviert –, in reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit besseren Absicherungen zu wechseln. In folgendem Artikel auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e.V, werfen wir ein Blick auf die Rolle des Minijobs und welche Vorteile ein Wegfall mit sich bringen würde.

Heutige Rolle der Minijobs

Minijobs dienen derzeit als besonders niedrigschwellige Form der Beschäftigung, bei der Arbeitnehmer bis zu einer bestimmten Verdienstgrenze mit sehr geringen oder gar keinen Sozialabgaben rechnen müssen. Viele Arbeitgeber nutzen dieses Modell, um flexible, günstige Arbeitskräfte zu beschäftigen, ohne eine vollwertige Stelle mit allen arbeits- und sozialrechtlichen Verpflichtungen einzurichten. Für Beschäftigte wirkt der Minijob kurzfristig attraktiv: Das Nettoeinkommen ist bei gleichem Bruttolohn oft höher und die formalen Hürden (Bewerbungsverfahren, Stundenumfang, Verantwortung) sind geringer.

Minijobs als „Teilzeitfalle“ und Qualifikationsbremse

Gleichzeitig gelten Minijobs seit Jahren als „Teilzeit- und Armutsfalle“, weil sie den Einstieg in voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erschweren. Wer sich an das Minijob-Modell gewöhnt, bleibt häufig dauerhaft auf niedrigem Stundenumfang und niedrigem Lohnniveau, ohne Rentenansprüche und ohne Arbeitslosenversicherung im üblichen Umfang aufzubauen. Besonders problematisch ist, dass auch gut qualifizierte Personen – etwa Fachkräfte oder Akademikerinnen – dauerhaft in geringfügige Beschäftigung ausweichen, wenn Arbeitgeber lieber mehrere Minijobber als eine vollwertige Stelle finanzieren.

Wegfall von Minijobs als Abbau von Hürden

Ein Wegfall klassischer Minijobs für die Mehrheit der Erwerbsfähigen könnte genau diese strukturelle Hürde beseitigen: Arbeitgeber müssten reguläre Arbeitsverhältnisse anbieten, wenn sie Arbeitskräfte benötigen, statt Tätigkeiten in viele Kleinstjobs zu zerschneiden. Beschäftigte hätten von Beginn an Anspruch auf Sozialversicherung, Urlaub, Lohnfortzahlung und – mittel- bis langfristig – bessere Rentenansprüche. Damit würde die systemische Trennung in „richtige Jobs“ und „Nebenjobs ohne Absicherung“ deutlich abgeschwächt, was insbesondere Menschen mit bisher lückenhaften Erwerbsbiografien zugutekäme.

Auswirkungen auf Frauen und wirtschaftliche Eigenständigkeit

Besonders groß wäre der Effekt auf Frauen, die überproportional häufig in Minijobs arbeiten – etwa als Ergänzung zum Einkommen des Partners oder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Minijobs stabilisieren in vielen Fällen traditionelle Rollenmodelle, weil sie zwar etwas Einkommen bringen, aber keine echte eigenständige Absicherung schaffen. Wenn Minijobs weitgehend abgeschafft und durch sozialversicherungspflichtige Teilzeit- oder Vollzeitstellen ersetzt würden, könnte dies:

  • den Druck und Anreiz erhöhen, Stundenumfang und Qualifikationsniveau auszubauen
  • die langfristige Rentenbiografie von Frauen verbessern
  • wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner reduzieren und Trennungsängste mindern

Damit würde ein wichtiger Schritt hin zu nachhaltiger wirtschaftlicher Eigenständigkeit und eigenem sozialen Sicherungsanspruch vieler Frauen vollzogen.

Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt

Ein solcher Systemwechsel birgt Chancen, aber auch Risiken. Auf der Chancen-Seite steht: mehr reguläre Beschäftigung, höhere Sozialversicherungsbeiträge, stärkere Bindung von Fachkräften und eine insgesamt hochwertigere Erwerbsstruktur. Auf der Risiko-Seite steht die Frage, ob bestimmte einfache Tätigkeiten dann überhaupt noch angeboten werden oder ob Arbeitgeber versuchen würden, sie zu automatisieren oder ins Informelle zu verlagern. Politisch müsste daher flankierend sichergestellt werden, dass kleine Betriebe und Haushalte (z. B. bei haushaltsnahen Dienstleistungen) nicht überfordert werden und flexible Teilzeitmodelle als Alternative verfügbar sind.

Gestaltungsoptionen statt „harte Abschaffung“

Statt eines abrupten Verbots könnte ein gestufter Umbau erfolgen: etwa durch deutliche Begrenzung der Einsatzbereiche von Minijobs auf echte Übergangs- oder Nebenverdienste (Schüler, Studierende, Rentner) und gleichzeitige Verbesserung von sozialversicherungspflichtiger Teilzeit für alle anderen. Auch höhere Mindeststandards beim Stundenlohn, klare Pfade von Minijob in reguläre Stellen und strengere Prüfungen der Dauer-Minijobbeschäftigung wären denkbar. So ließe sich die Flexibilität, die viele an Minijobs schätzen, teilweise erhalten, ohne die beschriebenen negativen Langzeitwirkungen auf Qualifikation, Eigenständigkeit und Altersarmut zu zementieren.

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