Was Flexirente überhaupt ist
Die Flexirente ist keine eigene Rentenart, sondern ein Bündel von Regeln, das den Übergang vom Job in den Ruhestand flexibler machen soll. Sie erlaubt es, Rente und Arbeit zu kombinieren, früher oder später in Rente zu gehen und freiwillig weiter Beiträge zu zahlen.
Kernideen der Flexirente:
- Teilrente statt Vollrente: Rentenbezug zwischen 10 und 99,99 Prozent möglich.
- Hinzuverdienst zur (Früh‑)Rente: Seit 2023/2024 ohne starre Hinzuverdienstgrenzen, in vielen Fällen unbegrenzt.
- Weiterarbeiten nach Regelaltersgrenze: Wer bleibt und Beiträge zahlt, bekommt pro Monat 0,5 Prozent Zuschlag auf die Rente – aber nur, solange überhaupt keine Rente bezogen wird.
Die berühmten „99,99 Prozent“ Vollrente sind in der Praxis ein Flexirenten‑Instrument – und stehen sinnbildlich für den winzigen freiwilligen Verzicht, um Vorteile zu sichern.
Warum 99,99 statt 100 Prozent Rente?
Rein rechtlich darf eine Teilrente bis zu 99,99 Prozent der Vollrente betragen; wer also nicht die Vollrente, sondern eine „Quasi‑Vollrente“ beantragt, gilt formal weiter als Teilrentner. Dadurch öffnen sich mehrere Türen, die bei 100 Prozent sofort zugehen würden.
Wichtige Vorteile der 99,99‑Prozent‑Strategie:
- Höhere Hinzuverdienstspielräume vor der Regelaltersgrenze, weil die Grenze bei Teilrente individuell und oft günstiger berechnet wird.
- Besserer Schutz für pflegende Angehörige: Bei Teilrente können Pflegekassen unter Bedingungen weiter Rentenbeiträge zahlen.
- Krankengeld und Versicherungsstatus: In bestimmten Konstellationen lässt sich der Anspruch auf Krankengeld aus der gesetzlichen Krankenversicherung über eine fast volle Teilrente länger erhalten.
Finanziell verliert man gegenüber 100 Prozent Vollrente nur einen winzigen Betrag im Monat – gewinnt aber Flexibilität und zusätzliche Absicherung.
Rente etwas kleiner, Gesamtpaket größer
Flexirente zielt darauf, den Ruhestand stufenweise zu gestalten: etwas weniger Rente jetzt, dafür weiterarbeiten, mehr Netto aus Lohn und später eine höhere Rente. Der freiwillige Mini‑Verzicht funktioniert dabei wie ein Hebel.
Typische Effekte:
- Weiterarbeiten mit Rentenplus: Wer neben der (Teil‑)Rente arbeitet und Rentenbeiträge zahlt, bekommt ab dem Folgejahr eine höhere Rente – plus 0,5 Prozent Zuschlag je Monat nach Regelaltersgrenze (nur bei 100 Prozuent Verzicht auf die Rente)
- Steuerliche Entzerrung: Teilrente + Lohn verteilt die Einkünfte anders als Vollrente + Lohn; das kann die Progression abmildern.
- Lebensstandard glätten: Statt harter Schnitt vom vollen Gehalt zur vollen Rente entsteht ein weicher Übergang, bei dem das Haushaltsbudget über mehrere Jahre stabil bleibt.
Gerade wer gesundheitlich noch arbeiten kann und will, profitiert davon, wenn die Rente anfangs etwas kleiner, der Gesamtzufluss aus Lohn plus Rente aber deutlich höher ist.
Konkrete Beispiele für „freiwillig weniger Rente“
Anhand typischer Flexirenten‑Modelle lässt sich zeigen, wie ein minimaler Verzicht sinnvoll sein kann. Die Zahlen sind beispielhaft, die Logik dahinter ist entscheidend.
Beispiel 1 – Quasi‑Vollrente 99,99 Prozent:
- Eine Versicherte beantragt mit 64 eine vorgezogene Altersrente als Teilrente in Höhe von 99,99 Prozent.
- Sie arbeitet in Teilzeit weiter und zahlt weiter Beiträge; durch die Flexirenten‑Regeln kann sie höhere Hinzuverdienste nutzen und gleichzeitig zusätzliche Entgeltpunkte sammeln.
Beispiel 2 – späterer Rentenstart mit Zuschlag:
- Ein Versicherter arbeitet nach der Regelaltersgrenze zwölf Monate weiter ohne Rentenbezug.
- Für dieses Jahr gibt es 6 Prozent Zuschlag plus die Wirkung der weiter gezahlten Beiträge – unterm Strich eine deutlich höhere Rente, obwohl im ersten Jahr „freiwillig 100 Prozent weniger“ bezogen wurden.
Beispiel 3 – Kombination Teilrente, Zuverdienst, Pflege:
- Eine Rentnerin versorgt einen Angehörigen und bezieht eine Teilrente.
- Durch das Teilrenten‑Modell übernimmt die Pflegekasse weiter Rentenversicherungsbeiträge, die die Rente später erhöhen – obwohl die laufende Rente kurzfristig etwas niedriger ist.
Gemeinsam ist allen Szenarien: Der sofortige Rentenbetrag ist bewusst geringer, das Gesamtpaket aus Rente plus Arbeit plus Zuschlägen fällt mittelfristig besser aus.
Aktivrente bringt zusätzliche Steuerersparnis
Ab dem 1. Januar 2026 greift die sog. Aktivrente. Das bedeutet: arbeitet man neben der Rente (auch Flexirente / Teilrente) so sind bis zu 2000 Euro zusätzlich steuerfrei.
Worauf man vor der Entscheidung achten sollte
Wer die Flexirente nutzen und freiwillig auf einen Mini‑Teil der Rente verzichten möchte, sollte einige Punkte prüfen.
Wichtige Checkliste:
- Reicht das Haushaltsbudget mit Teilrente + Lohn sicher aus, ohne in Grundsicherung oder Wohngeld rutschen zu müssen?library+1
- Wie lange ist realistisch noch mit Erwerbsarbeit zu rechnen – gesundheitlich und arbeitsmarktlich?
- Bringt das Weiterarbeiten wirklich netto mehr, wenn Steuern, Sozialabgaben und eventuelle Freibeträge einbezogen werden?
- Rentenauskunft einholen, Flexirenten‑Beratung der Deutschen Rentenversicherung nutzen und verschiedene Szenarien (Vollrente vs. 99,99‑Prozent‑Teilrente) durchrechnen lassen.
Dann wird deutlich, warum sich „freiwillig 0,01 Prozent weniger Rente“ im Flexirenten‑System lohnen kann: Nicht, weil die Kürzung an sich attraktiv wäre – sondern weil sie der Schlüssel zu mehr Flexibilität, höherem Zuverdienst und oft einer stärkeren Rente im weiteren Ruhestand ist.


