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Ein Trauerspiel: Bürgergeld – das verlorene Steckenpferd der SPD

Das Bürgergeld war einst das soziale Vorzeigeprojekt der SPD – heute steht es sinnbildlich für gebrochene Versprechen, verwässerte Reformen und einen tiefen Vertrauensverlust bei vielen Wählerinnen und Wählern. Zwischen Union, Koalitionszwängen und innerparteilichen Konflikten ist aus dem einstigen Steckenpferd ein politisches Trauerspiel geworden. Im folgenden Beitrag auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e.V., zeigen wird die Gründe auf: darum konnte die neue Grundsicherung kommen.

Vom großen Aufbruch zur verwässerten Reform

Als das Bürgergeld 2023 Hartz IV ablöste, inszenierte die SPD den Schritt als sozialpolitische Zeitenwende: mehr Respekt, höhere Regelsätze, weniger Druck, mehr Qualifizierung statt schneller Vermittlung in jeden Job. Kernidee war eine moderne Grundsicherung, die Armut mindern und Erwerbslose nicht mehr primär sanktionieren, sondern beim Neustart unterstützen.

Doch bereits im Gesetzgebungsverfahren wurden zentrale Punkte im Bundesrat weichgespült, vor allem beim Schonvermögen, der Karenzzeit und den Sanktionen. Die SPD musste schmerzhafte Kompromisse akzeptieren – aus dem großen Bruch mit Hartz IV wurde am Ende eher eine Reform im Schatten der alten Logik.

Strategisches Dilemma der SPD

Heute steckt die SPD im Bürgergeld-Dilemma: Nach außen verteidigt die Parteispitze das System, während in der Basis und bei den Jusos der Frust wächst. Viele Mitglieder erinnern die Führung daran, dass das Bürgergeld als Abkehr von der Agenda-Politik versprochen wurde – nicht als leicht reformierte Fortsetzung.

Gleichzeitig attackiert die Union das Bürgergeld seit Monaten als angebliches „Faulheitsprogramm“ und drängt auf härtere Sanktionen und strengere Regeln. Statt offensiv für ihr Projekt zu werben, lässt sich die SPD immer wieder in eine Defensivrolle drängen und diskutiert nun Verschärfungen mit, die die eigene Erzählung vom „Respekt“ untergraben.

Vom Schutzschirm zur Drohkulisse

Der aktuelle Gesetzentwurf zur Änderung des SGB II der schwarz-roten Koalition sieht teils drastische Sanktionen vor, inklusive der Möglichkeit, Leistungen vollständig zu streichen – sogar für Unterkunft und Heizung. Aus einem System, das ursprünglich Sicherheit vermitteln sollte, droht damit wieder eine Drohkulisse zu werden, die insbesondere psychisch belastete Menschen an den Rand drückt.

Sozialverbände, Gewerkschaften und viele SPD-nahe Initiativen warnen, dass mit solchen Regeln die Grundidee des Bürgergelds ausgehöhlt wird. Die Botschaft „Wer Hilfe braucht, bekommt sie ohne Angst vor Absturz“ wird durch Signale der Strenge, Kontrolle und sofortiger Kürzung überlagert.

Rebellion an der Basis – Kampf um das Profil

In der Partei wächst der Widerstand: Teile der SPD-Linken und der Jusos sprechen von einem „Tabubruch“ und drängen auf Mitgliederentscheide gegen Verschärfungen. Sie sehen im Kurs der Parteiführung eine Abkehr von zentralen sozialdemokratischen Werten wie Schutz vor Armut, Solidarität und realer Aufstiegsperspektive für Erwerbslose.

Für die SPD ist das Bürgergeld damit zum Lackmustest ihrer Glaubwürdigkeit geworden. Gelingt es nicht, eine klare rote Linie zu ziehen – etwa gegen Total-Kürzungen und gegen die Rückkehr zum reinen Vermittlungsvorrang –, droht das Projekt endgültig zum Symbol sozialpolitischer Beliebigkeit zu verkommen.

Warum das Bürgergeld zum politischen Trauerspiel wurde

Mehrere Faktoren machen das Bürgergeld zum „verlorenen Steckenpferd“:

  • Die SPD hat Erwartungen nach einem echten Bruch mit Hartz IV geweckt, die das tatsächliche Gesetz nur teilweise einlöste.
  • Der kommunikative Raum wurde von Bürgergeld-Bashing der Union und populistischen Debatten über „Leistungsmissbrauch“ dominiert.
  • Statt offensiver Verteidigung ihres Projekts reagiert die SPD häufig nur, passt sich an und öffnet so den Weg für immer schärfere Verschärfungsvorschläge.

Parallel verschärft sich die soziale Realität: Inflation, steigende Wohnkosten und unsichere Arbeitsverhältnisse erhöhen den Druck auf Menschen mit niedrigen Einkommen, während die Regelsätze trotz Anpassungen vielfach als unzureichend gelten. In dieser Lage wirkt jede Debatte über zusätzliche Sanktionen wie eine politische Schieflage – und fällt am Ende auf die SPD zurück, die das Bürgergeld einst als Schutzschild versprochen hatte.

Wie das Projekt vielleicht noch zu retten wäre

Will die SPD verhindern, dass das Bürgergeld endgültig als gescheiterter Versuch in die Geschichte eingeht, müsste sie ihren Kurs erkennbar ändern. Dazu gehören:

  • eine klare Absage an Total-Kürzungen und sanktionsbedingte Obdachlosigkeit
  • eine offensive Kommunikation, warum existenzsichernde Leistungen kein „Belohnungssystem“, sondern Grundrechte sind
  • konkrete Verbesserungen bei Regelsätzen, Qualifizierung und sozialer Beratung statt bloßer Verschärfungsdiskussionen

Erst wenn das Bürgergeld wieder als Instrument für echte Chancen, Qualifizierung und armutsfeste Absicherung erlebbar wird, kann die SPD das verlorene Steckenpferd zurückerobern – und aus dem Trauerspiel doch noch ein glaubwürdiges sozialpolitisches Projekt machen. Dann könnte es auch ruhigen Gewissens in “neue” Grundsicherung umbenannt werden!

Redakteure

  • ik

    Sozialrechtsexperte und Redakteur

    Ingo Kosick ist ein renommierter Experte im Bereich des Sozialrechts in Deutschland. Er engagiert sich seit über 30 Jahren in diesem Feld und hat sich als führende Autorität etabliert. Als Vorsitzender des Vereins "Für soziales Leben e.V.", der 2005 in Lüdinghausen gegründet wurde, setzt er sich für die Unterstützung von Menschen ein, die von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen sind. Der Verein bietet über das Internet Informationen, Beratung und Unterstützung für sozial benachteiligte Menschen an.

    Ingo Kosick ist zudem Autor und Redakteur beim Nachrichtenmagazin Bürger & Geld, das der Verein "Für soziales Leben e.V." herausgibt. Ingo hat sich auf Themen wie Bürgergeld, Sozialleistungen, Rente und Kindergrundsicherung spezialisiert. Seine Artikel bieten fundierte Analysen und rechtlich aufgearbeitete Informationen, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen sollen.

    Durch seine langjährige Erfahrung und sein Engagement hat Ingo Kosick maßgeblich dazu beigetragen, dass sozial benachteiligte Menschen in Deutschland besser informiert und unterstützt werden können.

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  • Peter Kosick
    Experte:

    Jurist und Redakteur

    Peter Kosick hat an der Universität Münster Rechtswissenschaften studiert und beide juristische Staatsexamen in Nordrhein-Westfalen mit Erfolg abgelegt. Er arbeitet als freiberuflicher Jurist, ist Autor verschiedener Publikationen und hält Vorträge im Bereich Arbeits- und Sozialrecht. Seit mehr als 30 Jahren engagiert er sich im sozialen Bereich und ist seit der Gründung des Vereins "Für soziales Leben e.V." dort Mitglied. Peter Kosick arbeitet in der Online Redaktion des Nachrichtenmagazins Bürger & Geld, das der Verein herausgibt und ist der CvD. Seinen Artikeln sieht man an, dass sie sich auf ein fundiertes juristisches Fachwissen gründen.

    Peter hat ebenfalls ein Herz für die Natur, ist gern "draußen" und setzt sich für den Schutz der Umwelt ein.

    Seine Arbeit im Redaktionsteam von Bürger & Geld gibt ihm das Gefühl,  etwas Gutes für das Gemeinwohl zu tun.

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