Wer eine anerkannte Schwerbehinderung hat, kann in Deutschland viele Jahre früher in den Ruhestand gehen – oft sogar ohne Abschläge. Das deutsche Rentenrecht bietet Betroffenen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wann sie aus dem Arbeitsleben ausscheiden und ob sie finanzielle Einbußen in Kauf nehmen möchten. Wie das funktioniert, welche Voraussetzungen gelten und wie sich die einzelnen Stichtage berechnen, zeigt dieser Artikel Schritt für Schritt.
Alle wichtigen Informationen finden sich hier auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e. V.
Frühere Rente durch Schwerbehinderung: Das steckt dahinter
Der Gesetzgeber erkennt an, dass Menschen mit einer Schwerbehinderung häufiger gesundheitlich eingeschränkt sind und somit oft nicht bis zur regulären Altersgrenze arbeiten können. Daher sieht das Sozialgesetzbuch VI (§ 236a SGB VI) besondere Regeln für die Altersrente für schwerbehinderte Menschen vor.
Voraussetzung ist eine anerkannte Schwerbehinderung mit einem Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50. Zudem müssen Versicherte mindestens 35 Versicherungsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung nachweisen können. Dazu zählen neben Zeiten der Beschäftigung auch Kindererziehungszeiten, Pflegezeiten oder Phasen der Arbeitslosigkeit.
Ab wann Schwerbehinderte in Rente gehen können
Das Entscheidende: Der Renteneintritt ist deutlich früher möglich als bei der Regelaltersrente.
- Ohne Abschläge: Je nach Geburtsjahr zwischen mit 63 und 64 Jahren.
- Mit Abschlägen: Bereits ab dem 60. oder 61. Lebensjahr.
Beispiel: Wer 1964 oder später geboren wurde, kann mit Schwerbehindertenausweis abschlagsfrei mit 65 Jahren in Rente gehen. Wer früher aussteigen möchte, ab 62 Jahren, muss mit einem Abschlag von 10,8 % rechnen – also 0,3 % pro Monat, den man vorzeitig in den Ruhestand geht.
Diese flexible Gestaltung ist ein großer Vorteil für viele Betroffene, die ihre persönliche Belastung nach Jahren harter Arbeit individuell einschätzen können.
So läuft der Rentenantrag ab
Der Antrag kann frühestens drei Monate vor Rentenbeginn gestellt werden. Wichtig ist, dass der Schwerbehindertenausweis zum Zeitpunkt des Rentenbeginns gültig ist. Wer eine Schwerbehinderung erst kurz vor dem geplanten Ruhestand beantragt, sollte die Bearbeitungszeit im Blick behalten – denn ohne gültigen Nachweis besteht kein Anspruch auf diese besondere Altersrente.
Empfohlen ist, zunächst eine Renteninformation bei der Deutschen Rentenversicherung anzufordern. Daraus geht hervor, welche Versicherungszeiten bereits registriert sind und wie hoch der individuelle Rentenanspruch voraussichtlich ausfällt. In einem zweiten Schritt kann ein Beratungsgespräch bei der Rentenversicherung oder einem Sozialverband wie VdK oder SoVD helfen, die beste Rentenstrategie zu finden.
Was bei Abschlägen zu beachten ist
Abschläge entstehen, wenn die Rente vor der abschlagsfreien Altersgrenze beginnt. Für jeden Monat früherer Rentenbeginn fallen 0,3 % weniger Rente an, maximal 10,8 %. Dieser Abschlag bleibt dauerhaft bestehen – auch im Alter oder bei späteren Rentenerhöhungen.
Viele Betroffene nutzen daher die Möglichkeit der Abschlagsvermeidung durch freiwillige Einzahlungen. Mit sogenannten Ausgleichszahlungen für Rentenminderung (§ 187a SGB VI) kann man gezielt Geld in die Rentenkasse einzahlen und die Kürzungen teilweise oder vollständig ausgleichen. Besonders für Menschen, die noch einige Jahre vor dem Ruhestand stehen, kann das steuerlich und langfristig attraktiv sein.
Wichtige Übergangsregelungen für ältere Jahrgänge
Für Versicherte der Geburtsjahrgänge vor 1964 gelten teils andere Altersgrenzen. Ein Beispiel:
| Geburtsjahr | Abschlagsfreie Rente | Früherer Beginn mit Abschlag |
|---|---|---|
| 1957 | 63 Jahre + 11 Monate | 60 Jahre + 11 Monate |
| 1960 | 64 Jahre + 4 Monate | 61 Jahre + 4 Monate |
| 1963 | 64 Jahre + 10 Monate | 61 Jahre + 10 Monate |
| Ab 1964 | 65 Jahre | 62 Jahre |
Diese Übergangsregelung wurde eingeführt, um Betroffenen einen gleitenden Übergang vom alten auf das neue Rentenrecht zu ermöglichen.
Steuerliche Aspekte und Hinzuverdienst
Auch im Ruhestand ist ein gewisser Hinzuverdienst möglich. Seit 2023 gibt es bei Altersrenten keine feste Hinzuverdienstgrenze mehr. Damit können Rentnerinnen und Rentner, die trotz Schwerbehinderung noch arbeiten möchten, dies ohne Einschränkungen tun.
Anders ist es bei einer Erwerbsminderungsrente – dort gelten weiterhin separate Grenzen.
Steuerlich müssen Rentenzahlungen grundsätzlich mit dem individuellen Rentenfreibetrag versteuert werden. Dieser richtet sich nach dem Jahr des Rentenbeginns. Wer früher in Rente geht, bezieht somit länger Rentenzahlungen, wodurch sich später auch der steuerpflichtige Anteil entsprechend entwickeln kann.
Praktische Tipps für Betroffene
- Frühzeitig den Schwerbehindertenausweis beantragen (mind. 6 Monate vor geplantem Ruhestand).
- Renteninformation anfordern und Versicherungsverlauf prüfen.
- Beratung zur optimalen Kombination aus Rentenbeginn und möglicher Ausgleichszahlung wahrnehmen.
- Übergangsregelungen beachten, um den besten Stichtag zu wählen.
Besonders lohnend ist die Beratung bei komplexen Versicherungsverläufen mit Zeiten der Teilzeit, Kindererziehung oder Pflege, da diese sich positiv auf die Wartezeit von 35 Jahren auswirken können.
Fazit: Flexibilität mit sozialem Sicherheitsnetz
Menschen mit anerkannten Schwerbehinderungen erhalten in Deutschland einen echten Vorteil im Rentensystem: den flexiblen und sozial abgesicherten Übergang in den Ruhestand. Wer rechtzeitig plant, kann die Rente nach gesundheitlicher Belastung und persönlicher Lebenssituation optimal gestalten – ob mit oder ohne Abschläge.
Das System schafft damit Spielraum für ein würdiges und planbares Ausscheiden aus dem Arbeitsleben – ein Thema, das angesichts des Fachkräftemangels und der wachsenden Zahl älterer Beschäftigter zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnt.


