Immer mehr Rentnerinnen und Rentner erleben derzeit eine unangenehme Überraschung: Ihre Erwerbsminderungsrente wird von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) erneut überprüft – auch ohne neuen Antrag, Anlass oder Gesetzesänderung. Selbst langjährig bewilligte oder mehrfach verlängerte Renten gelten nicht mehr als sichere Sache. Was steckt dahinter, welche Folgen drohen und wie kann man sich schützen? Alle wichtigen Fakten und Hintergründe – jetzt auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e.V.
Die Rente auf dem Prüfstand: Neue Härte der DRV
Die Erwerbsminderungsrente galt lange Zeit als feste Größe im Sozialstaat – vor allem, wenn sie nach mehreren Verlängerungen praktisch als unbefristet betrachtet wurde. Doch seit 2025 häufen sich Berichte über genau das Gegenteil: Rentnerinnen und Rentner erhalten plötzlich Post von der DRV – mit dem Hinweis, ihre medizinischen Unterlagen oder Selbstauskünfte erneut einreichen zu müssen.
Hintergrund ist eine deutlich verschärfte Prüfpraxis. Nach internen Informationen und Rückmeldungen von Sozialverbänden legt die DRV aktuell verstärkt Wert darauf, die sogenannte „medizinische Dauerhaftigkeit“ der Erwerbsminderung zu überprüfen. Selbst bei langjährigem Bezug erfolgt keine Ausnahme mehr – und bei neuen statistischen Auffälligkeiten kann die Rente sogar ausgesetzt oder eingestellt werden.
Warum 2026 die Kontrollen zunehmen
Zwei zentrale Entwicklungen treiben die Verschärfung an:
- Digitalisierung und Datenaustausch:
Die Rentenversicherung nutzt zunehmend automatisierte Prüfroutinen, um Datenquellen miteinander zu verknüpfen – etwa mit Krankenkassen, Jobcentern oder Arbeitgebern. Wird eine Person beispielsweise mit Krankengeld oder Arbeitsentgelt gemeldet, kann dies automatisch eine Überprüfung auslösen. - Steigende Ausgaben und Haushaltsdruck:
Mit den weiterwachsenden Rentenausgaben und dem Kostendruck im Bundeshaushalt rückt die Kontrolle der Erwerbsminderungsrenten stärker in den Fokus. Rund 1,8 Millionen Menschen beziehen aktuell eine volle oder teilweise Erwerbsminderungsrente – und die durchschnittlichen Zahlungen liegen bei etwa 1100 Euro monatlich.
Eine intensivere Überprüfung erscheint aus Sicht der DRV als notwendige Maßnahme, um „Fehlbewilligungen und Überzahlungen zu vermeiden“. Für die Betroffenen kann sie allerdings existenzielle Folgen haben.
Neue Begutachtungen, alte Sorgen
Zahlreiche Betroffene berichten derzeit, erneut zu ärztlichen Untersuchungen oder Begutachtungen vorgeladen zu werden. Dabei wird oft geprüft, ob sich der Gesundheitszustand seit dem letzten Rentenentscheid verändert hat. Selbst chronisch Erkrankte oder Menschen mit anerkannter voller Erwerbsminderung müssen damit rechnen, dass die DRV Zweifel anmeldet.
Das Problem: Wer den Fragebogen nicht rechtzeitig zurücksendet oder Termine versäumt, riskiert den Verlust der Rentenzahlung. In einigen Fällen werden Leistungen zunächst unter Vorbehalt gezahlt oder ganz gestoppt, bis ein neues Gutachten vorliegt.
So schildert ein Betroffener gegenüber einem Sozialverband: „Ich beziehe meine Rente seit zehn Jahren, doch plötzlich soll ich wieder alles nachweisen. Mein Arzt versteht das selbst nicht mehr.“ Solche Fälle häufen sich – und sie zeigen, dass die Unsicherheit im System wächst.
Falsche Sicherheit bei unbefristeten Renten
Viele Empfängerinnen und Empfänger gehen fälschlicherweise davon aus, ihre Rente sei „unbefristet“ und könne daher nicht mehr überprüft werden. Doch rechtlich bedeutet selbst eine unbefristete Bewilligung keine lebenslange Garantie. Nach § 109 des Sechsten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VI) darf die DRV jederzeit prüfen, ob die Voraussetzungen für die Rente weiterhin bestehen.
In der Praxis bedeutet das:
- Änderungen im Gesundheitszustand,
- neue medizinische Erkenntnisse oder
- abweichende Meldedaten können jederzeit eine Überprüfung auslösen.
Juristisch gesehen bleibt die Rente also „dynamisch“ – sie kann fortbestehen, angepasst oder ganz entzogen werden.
Sozialverbände kritisieren wachsende Unsicherheit
Verbände wie der Sozialverband Deutschland (SoVD) oder der VdK warnen vor einer wachsenden „Misstrauenskultur“. Viele langjährig erkrankte Menschen fühlten sich erneut unter Generalverdacht gestellt. Die Verfahren dauerten zudem oft viele Monate, in denen Betroffene in finanzieller Unsicherheit leben müssten.
Der VdK fordert daher eine klarere gesetzliche Regelung, die stabile Verhältnisse für erkrankte Menschen schafft: „Wer nachweislich dauerhaft erwerbsgemindert ist, sollte nicht regelmäßig mit neuen Prüfungen rechnen müssen“, heißt es in einer Stellungnahme.
Was Betroffene jetzt tun können
Wer Post von der DRV erhält, sollte unbedingt Fristen beachten und alle Unterlagen vollständig einreichen. Unklare Fragen lassen sich über Sozialdienste, Beratungsstellen oder Rechtsanwältinnen für Sozialrecht klären. Wichtig ist, bei medizinischen Nachweisen ärztliche Dokumentationen stets aktuell zu halten.
Tipps im Überblick:
- Fristen prüfen: Briefe der DRV enthalten verbindliche Fristen – meist 2 bis 4 Wochen.
- Ärztliche Berichte beilegen: Aktuelle Atteste oder Krankenhausberichte können Gutachten stützen.
- Unterstützung suchen: Sozialverbände, Gewerkschaften oder Fachanwälte helfen kostenfrei oder günstig.
- Nicht abwarten: Wer Schreiben ignoriert, riskiert die Einstellung der Zahlung.
Reformdebatte: Wird die Erwerbsminderungsrente neu gedacht?
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat mehrfach betont, die Erwerbsminderungsrente langfristig gerechter gestalten zu wollen. Geplant sind weiterhin Verbesserungen für langjährige Beziehende durch sogenannte „Bestandsverbesserungen“. Doch in der Verwaltungspraxis der DRV ist davon wenig zu spüren.
Während die Politik versucht, Vertrauen zurückzugewinnen, erleben viele Rentnerinnen und Rentner derzeit das Gegenteil: Unsicherheit statt Entlastung. Das Gefühl, „ständig überprüft“ zu werden, wirft Fragen nach sozialer Gerechtigkeit auf – und nach der tatsächlichen Stabilität des deutschen Rentensystems im Jahr 2026.
Fazit
Erwerbsgeminderte Menschen geraten 2026 stärker denn je in den Fokus der Rentenversicherung. Die neuen Prüfroutinen, der Einsatz digitalisierter Abgleiche und der wachsende Kostendruck führen zu einer beispiellosen Kontrolle von Bestandsrenten. Sicherheit gibt es kaum noch – Transparenz, Rechtsberatung und aktuelle ärztliche Nachweise werden wichtiger als je zuvor.
Wer betroffen ist, sollte Ruhe bewahren, aber vorbereitet reagieren: Die eigenen Rechte kennen, Widerspruchsfristen beachten und frühzeitig Rat einholen – damit die Rente nicht plötzlich auf der Kippe steht.


