Wohnungslosigkeit: 452.900 Menschen untergebracht, Hilfen vor der Räumung

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Das Statistische Bundesamt zählte zum Stichtag 31. Januar 2026 rund 452.900 wegen Wohnungslosigkeit untergebrachte Menschen, fünf Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Unter den Deutschen stieg die Zahl dagegen um zwei Prozent auf 67.200. Hohe Mieten und die neue Mietobergrenze im Grundsicherungsgeld lassen bei vielen Haushalten schneller Rückstände entstehen.

Wohnungslosigkeit in Zahlen: Wer in Notunterkünften lebt

Die Untergebrachten sind jung. 41 Prozent haben das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht, das Durchschnittsalter liegt bei 31 Jahren, 57 Prozent sind Männer. Alleinstehende bilden mit 158.700 Personen die größte Gruppe. Fast ebenso viele Menschen, 151.300, leben als Paare mit Kindern in einer Unterkunft, weitere 76.000 in Haushalten von Alleinerziehenden.

85 Prozent der Erfassten haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Geflüchtete aus der Ukraine bleiben mit 128.900 Personen die größte Gruppe, ihre Zahl sank um 8.900. Damit geht gut 40 Prozent des gesamten Rückgangs auf diese Gruppe zurück. Die meisten Untergebrachten meldete Nordrhein-Westfalen mit 104.700, gefolgt von Baden-Württemberg mit 90.800 und Berlin mit 57.600.

Die amtliche Statistik zeigt nur einen Ausschnitt. Wer auf der Straße lebt oder bei Bekannten unterkommt, wird nicht gezählt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe kommt in ihrer Hochrechnung für 2024 auf rund 1.029.000 wohnungslose Menschen.

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Bundestag: Antrag verlangt schnellere Hilfe bei Mietschulden

Diese Hochrechnung zitiert die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in ihrem Antrag „Wohnungs- und Obdachlosigkeit überwinden“ (Drucksache 21/8579) vom 14. Oktober 2026. Darin verweist sie auch auf mehr als 137.000 wohnungslose Minderjährige zum 31. Januar 2025. Gefordert wird unter anderem, dass Jobcenter Mietschulden mehrfach und als Beihilfe übernehmen können. Beträge zur Sicherung der Wohnung sollen sofort als Vorschuss oder direkt an den Vermieter fließen, damit Fristen nicht wegen langer Bearbeitung verstreichen. Die Bundesregierung hält am Ziel fest, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden. Einen Fahrplan mit Zwischenzielen vermisst der Antrag. Über ihn hat der Bundestag noch nicht abgestimmt.

Hilfen vor der Räumung: Fachstelle, Jobcenter und Sozialamt

Viele Städte und Kreise unterhalten Fachstellen für Wohnungsnotfälle. Sie verhandeln mit Vermietern, vermitteln Schuldnerberatung und klären, welche Stelle Rückstände übernehmen kann. Je früher ein Haushalt dort bekannt ist, desto mehr Spielraum bleibt.

Für Leistungsberechtigte im Grundsicherungsgeld ist das Jobcenter zuständig. Nach § 22 Abs. 8 SGB II kann es Mietschulden übernehmen, wenn das die Unterkunft sichert. Droht sonst Wohnungslosigkeit, soll es zahlen. Die Hilfe kommt in der Regel als Darlehen, und Erspartes muss vorher eingesetzt werden, auch wenn es beim laufenden Bezug geschützt wäre. Haushalte ohne Grundsicherungsgeld, etwa mit kleiner Rente, wenden sich an das Sozialamt. Nach § 36 SGB XII ist dort auch eine Beihilfe möglich, die nicht zurückgezahlt wird.

Ein Rechenbeispiel: Ein alleinstehender Leistungsberechtigter hat 1.526 Euro Mietrückstand und 400 Euro auf dem Konto. Das Jobcenter verlangt, dass er die 400 Euro zuerst einsetzt, und gewährt für die übrigen 1.126 Euro ein Darlehen. Getilgt wird mit fünf Prozent des Regelbedarfs von 563 Euro, also 28,15 Euro im Monat. Nach 40 Monaten ist das Darlehen abbezahlt.

PhaseZuständige StelleHilfe und Rechtsgrundlage
Rückstand, MahnungFachstelle, SchuldnerberatungBeratung, Ratenvereinbarung mit dem Vermieter
Fristlose KündigungJobcenter oder SozialamtMietschuldenübernahme nach § 22 Abs. 8 SGB II oder § 36 SGB XII
RäumungsklageAmtsgericht informiert Jobcenter oder SozialamtMitteilung nach § 22 Abs. 9 SGB II, Schonfrist von zwei Monaten nach § 569 Abs. 3 BGB
RäumungsterminOrdnungsamt der GemeindeUnterbringung in einer Notunterkunft

Mietschulden bezahlt, Kündigung bleibt: die Lücke im Mietrecht

Die Schonfrist rettet nur die fristlose Kündigung. Viele Vermieter kündigen zusätzlich ordentlich, und diese Kündigung bleibt trotz Nachzahlung grundsätzlich wirksam. Der Bundesgerichtshof hat das mit Urteil vom 30. September 2026 (Az. VIII ZR 21/26) bestätigt. Warum trotz beglichener Mietschulden der Verlust der Wohnung droht, hat unsere Redaktion am 23. Oktober ausführlich dargestellt.

Die Bundesregierung will die Lücke schließen. Nach ihrem Gesetzentwurf (Drucksache 21/6807) soll eine vollständige Nachzahlung einmalig auch die ordentliche Kündigung wegen Zahlungsverzugs beseitigen. In der Anhörung im Rechtsausschuss am 14. Oktober 2026 begrüßte der Deutsche Mieterbund den Plan und forderte, die Beschränkung auf einen Fall zu streichen. Haus & Grund lehnt die Ausweitung ab. Stand: 25. Oktober 2026 ist das Gesetz nicht beschlossen, es gilt das bisherige Recht.

Notunterkunft: Wenn die Räumung nicht abzuwenden ist

Lässt sich die Wohnung nicht halten, müssen Gemeinden unfreiwillig obdachlose Menschen nach dem Ordnungsrecht der Länder unterbringen. Das geschieht in Notunterkünften, Pensionen oder angemieteten Wohnungen, jeweils ohne eigenen Mietvertrag. Genau diese Menschen erscheinen in der Destatis-Statistik. Für eine neue Wohnung kann das Jobcenter Kaution und Umzugskosten nach vorheriger Zusicherung übernehmen, die Kaution in der Regel als Darlehen.

Häufige Fragen zu Wohnungslosigkeit und Mietschulden

Wie viele Menschen sind in Deutschland wohnungslos?

Zum 31. Januar 2026 waren laut Destatis rund 452.900 Menschen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht. Menschen auf der Straße und verdeckt Wohnungslose fehlen in dieser Zahl. Sie erfasst der Wohnungslosenbericht des Bundesbauministeriums, der alle zwei Jahre erscheint.

Wer übernimmt Mietschulden ohne Grundsicherungsgeld?

Zuständig ist dann das Sozialamt nach § 36 SGB XII. Es kann Schulden übernehmen, wenn das die Wohnung sichert, und soll es tun, wenn sonst Wohnungslosigkeit droht. Die Leistung ist als Darlehen oder als Beihilfe möglich.

Wie lange läuft die Schonfrist nach einer Räumungsklage?

Die Frist endet zwei Monate nach Eintritt der Rechtshängigkeit, in der Regel also nach Zustellung der Klage. Bis dahin muss der Rückstand vollständig beglichen sein, oder eine öffentliche Stelle muss sich zur Zahlung verpflichten. Wurde innerhalb der vorangegangenen zwei Jahre schon einmal eine Kündigung auf diese Weise unwirksam, greift die Schonfrist nicht.

Was geschieht am Räumungstag ohne neue Wohnung?

Der Gerichtsvollzieher vollstreckt die Räumung zum festgesetzten Termin. Haushalte ohne Bleibe bringt die Gemeinde ordnungsrechtlich unter. Viele Kommunen werden schon durch die Mitteilung des Gerichts über die Räumungsklage aktiv.

Einschätzung der Redaktion

Der Rückgang um fünf Prozent taugt nicht zur Entwarnung. Gut 40 Prozent davon gehen auf ukrainische Geflüchtete zurück, während die Zahl der untergebrachten Deutschen steigt. Die Grundsicherungsreform macht Rückstände wahrscheinlicher, weil die Mietobergrenze Lücken im Bescheid erzeugt und bei Schulden zuerst die Rücklagen weg müssen. Prävention gelingt dort, wo Fachstellen früh Bescheid wissen und Jobcenter schnell zahlen. Ob das klappt, hängt heute stark vom Wohnort ab. Solange die Mietrechtsreform nicht beschlossen ist, kann eine bezahlte Schuld trotzdem in der Räumung enden. Der Bundestag sollte die Ausweitung der Schonfrist zügig verabschieden, ohne sie weiter einzuschränken.

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