Mitten in der Rentenwelle der Babyboomer wechselt die Spitze des Arbeitsministeriums. Alexander Schweitzer löst Bärbel Bas ab, die am 12. Oktober als Ministerin und Parteichefin zurückgetreten war. Der Druck kommt aus der Demografie: Laut Statistischem Bundesamt lebten 2024 rund 16,7 Millionen Menschen ab 67 in Deutschland, bis Ende der 2030er-Jahre dürften es mindestens 20,5 Millionen sein.
Die Rentner von 2036 leben längst unter uns
Wer wissen will, wie viele Menschen Ende der 2030er-Jahre in den Ruhestand wechseln, muss nicht spekulieren. Sie sind bereits geboren, ihre Zahl und ihr Alter sind bekannt. Bevölkerungsforscher sprechen von demografischer Trägheit: Die heutige Altersstruktur enthält bereits einen großen Teil der künftigen Bevölkerung.
Darauf verweist der Bevölkerungsgeograf Frank Swiaczny vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden im Gespräch mit MDR Wissen. Swiaczny war von 2017 bis 2020 Vizedirektor der UN-Bevölkerungsabteilung in New York. Nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft, die MDR Wissen zitiert, hatten Ende 2024 erst rund 6 Millionen der etwa 19,5 Millionen Babyboomer der Jahrgänge 1954 bis 1969 die Regelaltersgrenze erreicht. Der jüngste dieser Jahrgänge wird im Jahr 2036 67 Jahre alt.
Schon heute stehen nach Daten des Statistischen Bundesamts 100 Menschen im Erwerbsalter 33 Personen im Rentenalter gegenüber. 2024 war jede fünfte Person in Deutschland 67 oder älter, 2035 wird es jede vierte sein. Eine steigende Geburtenrate würde daran kurzfristig nichts ändern: Ein Kind braucht rund zwei Jahrzehnte, bis es als Beitragszahler auf dem Arbeitsmarkt ankommt.
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Ostdeutschland erlebt die Alterung zuerst
Die Entwicklung verläuft regional sehr unterschiedlich. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat für 2024 eine Spanne zwischen 16 Prozent Menschen im Ruhestandsalter in Hamburg und 25,3 Prozent in Sachsen-Anhalt ermittelt. Hauptgrund sind die Abwanderungen der vergangenen Jahrzehnte: Aus strukturschwachen Regionen, vor allem im Osten, zogen überwiegend junge Menschen weg.
Für 2045 erwartet das Institut die höchsten Anteile Älterer in drei ostdeutschen Landkreisen. Was viele westdeutsche Regionen erst noch vor sich haben, hat der ländliche Osten in Teilen bereits erlebt.
| Region | Anteil der Menschen ab Rentenalter |
|---|---|
| Hamburg (2024) | 16,0 Prozent |
| Stadtstaaten gesamt (2024) | 17 Prozent |
| Westdeutsche Flächenländer (2024) | 20 Prozent |
| Ostdeutsche Flächenländer (2024) | 24 Prozent |
| Sachsen-Anhalt (2024) | 25,3 Prozent |
| Landkreis Altenburger Land (Prognose 2045) | 31,7 Prozent |
| Landkreis Spree-Neiße (Prognose 2045) | 31,8 Prozent |
| Landkreis Greiz (Prognose 2045) | 31,9 Prozent |
Quellen: Statistisches Bundesamt, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, zitiert nach MDR Wissen
Bemerkenswert ist die weitere Dynamik: Im Osten wächst die Zahl der Älteren bis zum Höchststand 2038 nur noch um 11 bis 16 Prozent. Im Westen steigt sie bis 2039 um rund 30 Prozent. Der Westen holt also auf. Für die betroffenen Regionen geht es dabei um handfeste Fragen: Wo nur noch wenige Menschen leben, lohnen sich Kliniken, Kulturangebote und Busverbindungen irgendwann nicht mehr, während eine ältere und weniger mobile Bevölkerung längere Wege bewältigen muss.
Drei Stellschrauben, von denen kaum eine greift
Die Bevölkerungsentwicklung hängt an Lebenserwartung, Geburten und Zuwanderung. Die steigende Lebenserwartung wertet Swiaczny als Erfolg von Medizin und Sozialstaat. Den Begriff „Überalterung“ lehnt er ab, weil er ein vermeintlich richtiges Durchschnittsalter unterstelle.
Bei den Geburten sieht der Forscher wenig Spielraum. Seit Mitte der 1970er-Jahre liegt die Geburtenrate in Deutschland zwischen 1,3 und 1,6 Kindern je Frau. Zwischen 2016 und 2021 stieg sie auf 1,55 bis 1,61, was das Statistische Bundesamt mit Elterngeld und dem Ausbau der Kleinkinderbetreuung in Verbindung bringt. 2024 sank sie jedoch auf 1,35, 2025 auf 1,32. Hinzu kommt: Die Eltern, die für eine Trendwende nötig wären, wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht geboren.
Bleibt die Zuwanderung. Seit 1972 sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen, als geboren werden. Ohne Zuzug würde die Bevölkerung schrumpfen. Kurzfristig entlastet Migration den Arbeitsmarkt, an der langfristigen Alterung ändert sie wenig, denn auch junge Zugewanderte werden älter. Wie viele bleiben und dauerhaft Arbeit finden, lässt sich zudem kaum modellieren.
Der blinde Fleck der Prognosen
Fachkräftemangel, Personalnot in der Pflege und eine angespannte Rentenkasse hält Swiaczny für reale Probleme der Übergangszeit. Die Vorausberechnungen haben aus seiner Sicht aber eine Schwäche: Sie schreiben die Gegenwart fort. Wie stark etwa Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändert und wie viele Arbeitskräfte in zehn oder zwanzig Jahren gebraucht werden, bildet kein Modell ab.
Auch die reine Zahl der Menschen im Erwerbsalter sagt nach seiner Einschätzung wenig aus, weil viele davon nicht oder nur in Teilzeit arbeiten. Entscheidend sei, was eine Generation wirtschaftlich beitragen kann, und das hänge stark von Bildung ab. Weniger Kinder könnten deshalb auch eine Chance sein, wenn mehr in sie investiert werde. „Das ist kein Nullsummenspiel“, sagt Swiaczny gegenüber MDR Wissen.
Die Babyboomer selbst unterscheiden sich zudem deutlich von ihren Eltern. Sie gehen gesünder und besser ausgebildet in den Ruhestand. Swiaczny sieht darin Potenzial für Ehrenamt, Betreuung und den Zusammenhalt in den Gemeinden, das in klassischen Arbeitsmarktstatistiken gar nicht erscheint.
Nach der Rentenwelle folgt die Pflegewelle
Die nächste Herausforderung ist bereits absehbar. Ab Mitte der 2030er-Jahre steigt die Zahl der Hochaltrigen deutlich: Lebten 2024 rund 6,1 Millionen Menschen ab 80 in Deutschland, werden es 2050 nach den Vorausberechnungen 8,5 bis 9,8 Millionen sein. Danach verlangsamt sich die Alterung wieder. Swiaczny zieht ein vorsichtig optimistisches Fazit: Deutschland werde anders aussehen, aber nicht zwangsläufig schlechter.
Rentenreform unter Zeitdruck
Politisch fällt die demografische Debatte in eine heikle Phase. Die Alterssicherungskommission hat am 23. Juni 2026 ihre Vorschläge für eine grundlegende Rentenreform an die Bundesregierung übergeben. Anfang Juli verständigte sich der Koalitionsausschuss darauf, die 33 Empfehlungen umfassend und zügig umzusetzen. Ursprünglich sollte der Bundestag die Reform bis Ende 2026 beschließen, inzwischen wackelt dieser Zeitplan. Einen Überblick über die Vorschläge gibt die Bundesregierung in ihren Fragen und Antworten zur Rentenreform.
Bundeskanzler Merz will die Reform noch in diesem Jahr mit Fraktionen und Ländern abstimmen und anschließend im Kabinett beschließen lassen. Die CSU verlangt, dass der Gesetzentwurf noch im Oktober 2026 vorgelegt wird. Der neue Minister will sich dagegen nach eigenen Worten nicht hetzen lassen und „zügig, aber gründlich“ arbeiten.
Besonders umstritten bleibt die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte. Schweitzer hatte Anfang August erklärt, dass er den Wegfall der abschlagsfreien Altersrente nach 45 Versicherungsjahren ablehne. Die CDU geht dagegen davon aus, dass sämtliche Vorschläge der Kommission umgesetzt werden. Bereits beschlossen sind das Rentenpaket 2025 mit der Sicherung des Rentenniveaus und der Mütterrente, das Betriebsrentenstärkungsgesetz und die Aktivrente. Bestehende Rentenansprüche bleiben vom Ministerwechsel unberührt.
Häufige Fragen zur Rentenwelle der Babyboomer
Wann erreicht der letzte Babyboomer-Jahrgang die Regelaltersgrenze?
Zu den Babyboomern zählen die Jahrgänge 1954 bis 1969. Für alle ab 1964 Geborenen liegt die Regelaltersgrenze bei 67 Jahren. Der Jahrgang 1969 erreicht sie damit im Jahr 2036. Viele Versicherte gehen allerdings früher in Rente, etwa mit Abschlägen oder als besonders langjährig Versicherte.
Warum ist die Bevölkerung im Osten älter als im Westen?
Nach der Wiedervereinigung haben vor allem junge Menschen strukturschwache Regionen in Ostdeutschland verlassen. Dadurch stieg der Anteil Älterer dort früher und stärker. 2024 waren in den ostdeutschen Flächenländern 24 Prozent der Menschen 67 oder älter, in den westdeutschen 20 Prozent.
Kann Zuwanderung die Alterung der Gesellschaft aufhalten?
Nur begrenzt. Zuwanderung stabilisiert die Bevölkerungszahl und entlastet kurzfristig den Arbeitsmarkt. Langfristig altern auch zugewanderte Menschen. Wie stark Migration hilft, hängt zudem davon ab, wie viele dauerhaft bleiben und Arbeit finden.
Wie ist der aktuelle Stand bei der Rentenreform?
Die Kommission hat im Juni 33 Empfehlungen vorgelegt, ein Gesetzentwurf liegt noch nicht vor. Der neue Arbeitsminister Alexander Schweitzer soll ihn erarbeiten, die Koalition strebt einen Kabinettsbeschluss noch 2026 an. Offen ist vor allem die Zukunft der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren.
Einschätzung der Redaktion
Die Zahlen lassen wenig Interpretationsspielraum: Die Rentenwelle ist kein Szenario, sondern Gewissheit. Umso irritierender ist, dass die Politik ein Vierteljahr nach dem Kommissionsbericht noch immer ohne Gesetzentwurf dasteht und die Debatte sich fast vollständig an der Rente nach 45 Jahren festbeißt. Wer jahrzehntelang eingezahlt hat, verdient Verlässlichkeit, und ein überhasteter Entwurf, nur um politischen Druck abzubauen, würde genau diese Verlässlichkeit gefährden. Swiacznys Hinweis verdient deshalb mehr Gehör: Entscheidend ist nicht allein die Kopfzahl der Erwerbstätigen, sondern wie viele von ihnen gesund, gut ausgebildet und in ausreichendem Umfang arbeiten können. Eine Reform, die nur an Eintrittsalter und Abschlägen schraubt, Bildung, Teilzeitfallen und die Infrastruktur in alternden Regionen aber ausblendet, greift zu kurz. Gerade der ländliche Osten zeigt, dass Demografie nicht nur eine Frage der Rentenkasse ist, sondern eine des Alltags.