Die Grundrente läuft seit fünf Jahren – und die erste große Bilanz der Bundesregierung fällt gemischt aus: Mehr als eine Million Menschen bekommen im Schnitt 97 Euro Zuschlag, doch längst nicht alle Anspruchsberechtigten erreichen die Leistung. Vor allem Frauen und langjährig gering Verdienende profitieren, gleichzeitig zeigen Studien erhebliche Lücken und Kritik am komplizierten System.
Was die Grundrente leisten soll
Die Grundrente gibt es seit 1. Januar 2021 und richtet sich an Menschen mit sehr langer Versicherungszeit (mindestens 33 Jahre Grundrentenzeiten) und niedrigen Einkommen. Anerkannt werden vor allem Zeiten mit Pflichtbeiträgen aus Beschäftigung, Kindererziehung und Pflege – die Grundrente stockt daraus berechnete Mini‑Renten über einen Zuschlag auf.
Ziel war, dass jemand, der jahrzehntelang gearbeitet oder Angehörige gepflegt hat, im Alter merklich besser dasteht als jemand mit Grundsicherung ohne eigene Beiträge. Die Leistung wird automatisch von der Rentenversicherung geprüft, eine gesonderte Antragstellung ist nicht nötig.
Die Bilanz nach fünf Jahren
Eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Untersuchung der Universität Regensburg zeigt:
- Mehr als eine Million Rentnerinnen und Rentner erhalten Grundrentenzuschlag.
- Der Durchschnittsbetrag liegt aktuell bei etwa 97 Euro brutto im Monat.
- Die Grundrente komme „zielgerichtet“ bei den Menschen mit niedrigen Einkommen an, so die Bewertung des Bundesarbeitsministeriums.
Schon zum Start war mit rund 1,3 Millionen Berechtigten gerechnet worden, davon etwa 70 Prozent Frauen. Aktuelle Medienberichte zeigen jedoch: Nur rund jeder zweite mit theoretischem Anspruch hat bislang tatsächlich einen Zuschlag auf dem Konto – viele Renten werden noch geprüft, andere scheitern an Einkommensgrenzen und Detailregeln.
Wer besonders profitiert
- Überdurchschnittlich viele Frauen mit Teilzeit‑Biografien und Kindererziehungszeiten.
- Menschen mit sehr langen Erwerbsbiografien in schlecht bezahlten Branchen, etwa Pflege, Handel oder Reinigungsgewerbe.
- Ostdeutsche Rentnerinnen und Rentner sind leicht überrepräsentiert, weil hier niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten häufig zusammentreffen.
Wie hoch ist der Zuschlag – und wer geht leer aus?
Die Grundrente ist kein fester Betrag, sondern ein individuell berechneter Zuschlag, der an Einkommensgrenzen gebunden ist:
- Für Alleinstehende galt bisher ein freies Monatseinkommen bis 1.250 Euro; darüber wurde der Zuschlag stufenweise gekürzt.
- Ab 1. Januar 2026 steigen die Freibeträge deutlich auf etwa 1.492 Euro für Alleinstehende und 2.327 Euro für Paare.
- Einkommen bis 1.491 Euro (Single) bzw. 2.326 Euro (Paar) bleibt komplett anrechnungsfrei.
- Einkommen im „Korridor“ darüber führt zu 60‑prozentiger Anrechnung.
- Ab etwa 1.909 Euro (Single) bzw. 2.744 Euro (Paar) wird Einkommen zu 100 Prozent auf den Zuschlag angerechnet – die Grundrente kann so auf Null sinken.
Kritikpunkt der aktuellen Bilanz:
- Viele mit kleinen oder mittleren Betriebsrenten, privater Vorsorge oder Partnereinkommen rutschen knapp über die Grenzen und bekommen wenig oder gar keinen Zuschlag.
- Für einen Teil der Anspruchsgruppe existiert die Grundrente daher „nur auf dem Papier“.
Fünf Jahre Grundrente: Was sich 2026 ändert
Die Bundesregierung verweist in ihrer Bilanz darauf, dass die Grundrente nachgesteuert wurde und ab 2026 sozialpolitisch treffsicherer wirken soll:
- Höhere Einkommensfreibeträge bedeuten, dass mehr Menschen den vollen Zuschlag erhalten oder überhaupt erstmals anspruchsberechtigt werden.
- Die Rentenversicherung prüft seit 2026 erneut Millionen Bestandsrenten – bei manchen steigt der Zuschlag, bei anderen sinkt er oder entfällt.
Gleichzeitig laufen Debatten über die Kosten:
- Ursprünglich waren rund 1,3 Milliarden Euro jährlich eingeplant, mittlerweile liegen Prognosen bei bis zu 1,6–1,9 Milliarden Euro pro Jahr – finanziert aus Steuermitteln.
Was bedeutet die Bilanz für heutige und künftige Rentner?
Für Geringverdienende mit langen Erwerbsbiografien gilt nach fünf Jahren Grundrente:
- Die Chance, einen Zuschlag zu erhalten, ist real: Durchschnitte von knapp 100 Euro im Monat können im unteren Rentenbereich spürbar sein.
- Wer knapp über den Freibeträgen liegt, profitiert häufig kaum oder gar nicht – zusätzliche betriebliche oder private Vorsorge kann die Grundrente sogar teilweise „aufzehren“.
- Die erhöhten Freibeträge ab 2026 verbessern die Lage, vor allem für Menschen mit kleinen Zusatzrenten.
Die Bilanz zeigt damit zwei Seiten: Die Grundrente stabilisiert gezielt die Einkommen vieler Rentnerinnen und Rentner mit Mini‑Renten, bleibt aber kompliziert und erreicht längst nicht die gesamte Zielgruppe. Die Bundesregierung stellt sie dennoch als wichtigen Baustein im Kampf gegen Altersarmut dar – während Ökonomen und Sozialverbände über Zielgenauigkeit, Kosten und mögliche Reformen der Grundrente 2.0 weiter streiten
