Binnen eines Monats hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf zweimal Grundschulen gestoppt, die Kinder mit Behinderung oder chronischer Krankheit nicht mitfahren lassen wollten. Im jüngsten Fall ging es um eine Klassenfahrt mit Autismus und ADHS: Ein Neunjähriger aus Voerde durfte laut Beschluss vom 2. Oktober 2026 doch nach Spiekeroog. Für Familien, die Schulbegleitung beim Jugendamt oft mühsam organisieren, schafft das Klarheit.
Ausschluss per Bescheid, vier Tage vor der Abfahrt
Die Grundschule am Niederrhein schloss den Viertklässler mit Bescheid vom 1. Oktober 2026 von der fünftägigen Fahrt aus, die am 5. Oktober beginnen sollte. Bei dem Jungen sind unter anderem eine Autismus-Spektrum-Störung und ADHS diagnostiziert. Die Schule sah eine konkrete Gesundheitsgefahr für ihn selbst und für andere. Im Schulalltag habe er sich selbst gefährdet und in Situationen, die er nicht vorhersehen konnte, impulsiv und kaum lenkbar reagiert. Auf der Insel lasse sich die Aufsicht nicht verlässlich sicherstellen, auch nicht mit einer Integrationskraft an seiner Seite.
Genau diese Eins-zu-eins-Begleitung hatte die Schule zuvor allerdings selbst zur Bedingung für die Teilnahme gemacht. Die Eltern organisierten sie trotz zahlreicher Hürden kurzfristig über das Jugendamt und informierten die Schule rund zehn Tage vor der Reise. Der Junge legte Widerspruch ein und beantragte Eilrechtsschutz.
Warum das Gericht den Ausschluss für unverhältnismäßig hält
Die 18. Kammer entschied einen Tag nach dem Bescheid. Schon die behauptete Gefahr durch nicht steuerbares, aggressives Verhalten sah sie nach Aktenlage skeptisch. Selbst wenn ein Risiko bestünde, sei der vollständige Ausschluss jedenfalls nicht erforderlich und damit unverhältnismäßig. Die Integrationskraft könne die Aufsicht während der Fahrt „umfänglich und zuverlässig“ wahrnehmen. Hinzu kam, dass sich die Mutter des Jungen, eine Kinderkrankenschwester, zur selben Zeit auf Spiekeroog aufhielt und bei Bedarf hätte einspringen können.
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Organisatorischer Mehraufwand ist nach dem Beschluss kein Ausschlussgrund. Die Schule muss die Fahrt so gestalten, dass sie die behinderungsbedingten Besonderheiten des Kindes berücksichtigt und die Teilnahme für ihn zumutbar bleibt. Der Ausschluss verletze das Recht des Kindes auf schulische Bildung und diskriminierungsfreie Teilhabe. Das Schulgesetz NRW erlaubt einen Ausschluss von Schulveranstaltungen nur bei einer konkreten Gefahr für die Unversehrtheit des Kindes oder anderer, wie Legal Tribune Online unter Verweis auf § 54 Abs. 3 SchulG NRW erläutert.
Schulbegleitung bei Autismus: Rechtsgrundlage ist häufig § 35a SGB VIII
Bei Kindern mit Autismus läuft die Schulbegleitung häufig über die Eingliederungshilfe des Jugendamts. Grundlage ist § 35a SGB VIII. Ein Anspruch besteht, wenn die seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate vom alterstypischen Zustand abweicht und dadurch die Teilhabe beeinträchtigt ist oder eine Beeinträchtigung droht. Das Jugendamt holt dafür die Stellungnahme einer Kinder- und Jugendpsychiaterin, eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder einer vergleichbar erfahrenen Fachkraft ein.
Im Fall aus Voerde war die Begleitung bereits bewilligt und organisiert, als die Schule den Ausschluss aussprach. Diese Reihenfolge war für das Gericht ausschlaggebend: Wer eine Bedingung stellt, kann sich nach deren Erfüllung schwer auf dieselbe Gefahr berufen.
Zweiter Beschluss derselben Kammer binnen eines Monats
Bereits am 2. September 2026 hatte die 18. Kammer einen herzkranken Neunjährigen aus Wuppertal zur Klassenfahrt zugelassen (Pressemitteilung des Gerichts). Die Schule hatte gesundheitliche, pädagogische und organisatorische Gründe angeführt und die aufschiebende Wirkung seiner Klage missachtet. Die Kammer hielt fest, dass Klassenfahrten Teil der schulischen Bildungs- und Erziehungsarbeit sind. Es sei Aufgabe der Schule, chronisch kranken Kindern die Teilnahme zu ermöglichen, und eben nicht die der Eltern.
| Voerde | Wuppertal | |
|---|---|---|
| Aktenzeichen | 18 L 2965/26 | 18 L 2138/26 |
| Beschluss vom | 2. Oktober 2026 | 2. September 2026 |
| Diagnose | Autismus-Spektrum-Störung, ADHS | Herzerkrankung |
| Begründung der Schule | Gefahr durch nicht steuerbares Verhalten | gesundheitliche, pädagogische, organisatorische Gründe |
| Lösung laut Gericht | 1:1-Integrationskraft, Mutter vor Ort | medizinisch vorgebildete Großmutter oder Tante begleitet die Medikamentengabe |
| Ergebnis | Schule muss Teilnahme ermöglichen | Schule muss Teilnahme ermöglichen |
Kosten der Klassenfahrt: Bildung und Teilhabe greift zusätzlich
Für Familien mit geringem Einkommen ist neben der Begleitung auch der Reisepreis eine Frage. Wer Leistungen nach dem SGB II, Sozialhilfe, Kinderzuschlag oder Wohngeld bezieht, kann die Kosten mehrtägiger Klassenfahrten über das Bildungs- und Teilhabepaket übernehmen lassen. Laut Übersicht der Bundesagentur für Arbeit werden dabei die tatsächlichen Kosten getragen. Bei SGB-II-Leistungen ist das Jobcenter zuständig, für die übrigen Gruppen regeln die Länder und Kommunen die Anlaufstelle.
Stand des Verfahrens
Stand: 28. Oktober 2026. Gegen den Eilbeschluss ist die Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht NRW möglich. Ob die Schule davon Gebrauch gemacht hat, ist nicht öffentlich bekannt; eine OVG-Entscheidung liegt nicht vor. Die Fahrt war für den 5. bis 9. Oktober angesetzt. Über die Rechtmäßigkeit des Ausschlussbescheids ist in der Hauptsache noch nicht entschieden.
Häufige Fragen zur Klassenfahrt mit Autismus
Darf eine Schule ein Kind mit Autismus von der Klassenfahrt ausschließen?
Nur im Ausnahmefall. Nach den beiden Düsseldorfer Beschlüssen kommt ein Ausschluss bei einer konkreten Gefahr für die Gesundheit des Kindes oder anderer in Betracht, außerdem als Ordnungsmaßnahme bei Fehlverhalten. Eine Diagnose allein reicht dafür nicht, und mildere Mittel wie eine Begleitperson gehen vor.
Wer bezahlt die Integrationskraft auf der Klassenfahrt?
Schulbegleitung wird als Eingliederungshilfe finanziert, bei seelischer Behinderung meist durch das Jugendamt nach § 35a SGB VIII. Ob die bewilligte Begleitung eine mehrtägige Fahrt umfasst und wer Reise- und Unterkunftskosten der Begleitkraft trägt, wird im Einzelfall geklärt. Im Fall aus Voerde organisierte das Jugendamt die Begleitung.
Gilt der Düsseldorfer Beschluss bundesweit?
Ein Eilbeschluss bindet nur die Beteiligten des Verfahrens. Schulrecht ist zudem Landesrecht. Die Argumente des Gerichts zu Verhältnismäßigkeit und diskriminierungsfreier Teilhabe lassen sich in anderen Bundesländern aber in vergleichbaren Fällen heranziehen.
Was zahlt das Jobcenter bei einer mehrtägigen Klassenfahrt?
Bei Leistungen nach dem SGB II übernimmt das Jobcenter die tatsächlichen Kosten mehrtägiger Klassenfahrten im Rahmen der schulrechtlichen Bestimmungen. Die Leistung gehört zum Bildungs- und Teilhabepaket und kommt zum Regelbedarf hinzu. Für Familien mit Kinderzuschlag oder Wohngeld ist eine kommunale Stelle zuständig.
Einschätzung der Redaktion
Die beiden Beschlüsse legen eine klare Reihenfolge fest. Zuerst muss die Schule prüfen, wie ein Kind mitfahren kann, erst danach, ob eine echte Gefahr bleibt. Das ist richtig, weil eine Klassenfahrt zum Unterricht gehört. Leicht ist der Fall trotzdem für niemanden. Lehrkräfte tragen die Aufsicht, oft ohne Erfahrung mit Autismus. Die Eltern mussten unter Zeitdruck eine Begleitkraft beim Jugendamt durchsetzen und anschließend vor Gericht ziehen. Dass ein Neunjähriger seine Teilnahme per Eilantrag erstreiten muss, deutet auf fehlende Abstimmung zwischen Schule und Jugendhilfe hin. Feste Fristen für die Planung von Begleitung bei Schulfahrten würden Familien und Schulen gleichermaßen entlasten.
6. Quellenangaben
Quellenangaben
- Verwaltungsgericht Düsseldorf: Autistischer Grundschüler zu Unrecht von Klassenfahrt ausgeschlossen (18 L 2965/26)
- Verwaltungsgericht Düsseldorf: Herzkranker Grundschüler zu Unrecht von Klassenfahrt ausgeschlossen (18 L 2138/26)
- § 35a SGB VIII – Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung