Ein Beamter, der mehr mit Überstunden verdient als mit seinem eigentlichen Job – dieser Fall aus Spanien sorgt für hitzige Debatten über Arbeitszeit, Ausbeutung und die Grenzen menschlicher Belastbarkeit. Was wie ein Extremfall wirkt, wirft eine grundlegende Frage auf: Wie viele Überstunden sind rechtlich, gesundheitlich und gesellschaftlich überhaupt noch vertretbar – und wo beginnt ein Systemversagen? Alle Infos findet man hier auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e. V..
Der unglaubliche Fall von 1405 Überstunden
In der galizischen Stadt Marín in der Provinz Pontevedra (Nordwestspanien) sorgt ein kommunaler Beamter für Schlagzeilen. Er behauptet, im Jahr 2025 insgesamt 1405 Überstunden geleistet zu haben – durchschnittlich rund 6,5 zusätzliche Stunden pro Arbeitstag.
Damit hat der Mann nach Angaben der örtlichen Opposition mit Überstunden mehr verdient als mit seiner regulären Arbeit. Ein Sprecher der Sozialisten bezeichnete die Zahlen als „praktisch unmöglich zu glauben“ und kritisierte, hier sei ein System aus dem Ruder gelaufen.
Bürgermeisterin María Ramallo von der konservativen Volkspartei bestätigte den Fall offiziell und erklärte, sie kenne das Gesetz und versuche, es einzuhalten, sehe sich aber manchmal mit Umständen konfrontiert, die eine große Menge an Überstunden erforderlich machten.
Wenn eine ganze Abteilung an einer Person hängt
Der Beamte arbeitet in einer kommunalen Abteilung, die normalerweise mit drei Personen besetzt ist. Im Jahr 2025 war er jedoch zeitweise allein: Eine Kollegin war krankgeschrieben, ein weiterer Mitarbeiter bereits in Pension.
Diese Personallücke führte dazu, dass er den kompletten Bereich quasi im Alleingang stemmen musste – mit massiven Folgen für Arbeitszeit und Belastung. Die Stadtverwaltung rechtfertigt die Situation mit „besonderen Umständen“, Kritiker sprechen hingegen von strukturellem Versagen und jahrelangem Kaputtsparen im öffentlichen Dienst.
Überstunden-Rekord als Symptom eines Systems
1405 geleistete Überstunden in einem Jahr sind mehr als eine Zahl – sie stehen sinnbildlich für eine Entwicklung, die auch in anderen Ländern zu beobachten ist. Immer mehr Aufgaben treffen auf immer weniger Personal, während Verwaltungen und öffentliche Einrichtungen gleichzeitig unter Sparzwang stehen.
Für Beschäftigte bedeutet das: Dauerstress, kaum planbare Freizeit, gesundheitliche Risiken und die ständige Gefahr, dass Fehler gemacht werden. Wenn dann der Überstundenberg nicht nur akzeptiert, sondern faktisch zur Einkommensquelle wird, verschiebt sich die Balance zwischen fairer Bezahlung und Selbstausbeutung.
Mehrarbeit und Überstunden: Wo die Grenze verläuft
Der Fall aus Spanien rückt auch die rechtlichen Unterschiede zwischen Mehrarbeit und Überstunden in den Fokus – ein Thema, das im deutschen Arbeitsrecht klar geregelt ist.
- Mehrarbeit sind Arbeitsstunden, die über die vertraglich festgelegte regelmäßige Arbeitszeit hinausgehen, aber noch innerhalb der Grenze des Arbeitszeitgesetzes liegen.
- Überstunden sind Arbeitszeiten, die die vereinbarte wöchententliche Arbeitszeit überschreiten – sie betreffen also vor allem die Überschreitung des vereinbarten Wochenpensums.
In Deutschland ist die maximale Arbeitszeit im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) auf acht Stunden pro Werktag festgelegt, mit der Möglichkeit, auf bis zu zehn Stunden zu erhöhen, wenn innerhalb von sechs Monaten oder 24 Wochen ein Ausgleich erfolgt. Für bestimmte Branchen wie Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen gelten Sonderregelungen, die aber ebenfalls Grenzen enthalten.
Wie Überstunden ausgeglichen werden müssen
Auch bei Überstunden gibt es Grenzen, und sie dürfen nicht endlos angehäuft werden. Sie müssen innerhalb eines bestimmten Zeitraums abgebaut oder ausgeglichen werden – sei es durch Freizeit oder durch Geld.
In vielen Fällen ist die Kompensation von Mehrarbeit und Überstunden tariflich oder arbeitsvertraglich geregelt. Häufig werden Zuschläge gezahlt, etwa prozentuale Aufschläge auf den Stundenlohn oder pauschale Beträge, oder es wird Freizeitausgleich gewährt, bei dem zusätzliche freie Tage angesammelt werden.
Wenn Überstunden das Gehalt überholen
Im Fall von Marín ist die Situation besonders brisant, weil der Beamte mit Überstunden mehr verdient haben soll als mit seinem normalen Grundgehalt. Das wirft Fragen auf, die weit über eine einzelne Personalakte hinausgehen.
- Ist ein System gesund, in dem Beschäftigte auf Überstunden angewiesen sind, um ihr Einkommen zu erhöhen?
- Welche Anreize setzt es, wenn Verwaltungen lieber Überstunden bezahlen, als Stellen nachzubesetzen?
Kritiker warnen, dass so eine Kultur entsteht, in der Überlastung normalisiert und Überstunden zum Geschäftsmodell werden. Die Grenze zwischen Engagement und Selbstaufopferung beginnt zu verschwimmen – zulasten von Gesundheit, Familie und Lebensqualität der Beschäftigten.
Gesundheitliche und gesellschaftliche Risiken
Langfristige extreme Mehrarbeit kann erhebliche gesundheitliche Folgen haben: Erschöpfung, Schlafprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Belastungen bis hin zum Burn-out. Gleichzeitig sinkt die Fehlerquote nicht selten erst dann, wenn es schon zu spät ist – etwa bei Verwaltungsakten, Sicherheitsaufgaben oder Pflegearbeit.
Gesellschaftlich stellt sich die Frage, wie öffentliche Dienste funktionieren sollen, wenn sie dauerhaft von der Überlastung Einzelner abhängen. Wenn ein ganzer Bereich an einer Person hängt, wird aus einem Krankheitsfall oder einem Burn-out schnell ein organisatorischer Notstand.
Was sich jetzt ändern müsste
Der Fall aus Galizien liefert gleich mehrere Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen.
- Bessere Personalausstattung, um Dauerüberstunden zu verhindern.
- Klare Kontrolle und Dokumentation von Arbeitszeiten, insbesondere im öffentlichen Dienst.
- Strengere Grenzen bei der Genehmigung von Überstunden, etwa durch verbindliche Obergrenzen pro Monat oder Jahr.
- Attraktivere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Bereich, damit Stellen tatsächlich besetzt werden können.
Zudem braucht es Transparenz: Wenn Überstundenberge entstehen, müssen Kommunalpolitik und Öffentlichkeit erfahren, warum – und wer dafür Verantwortung trägt.
Was Beschäftigte beachten sollten
Auch Beschäftigte selbst sollten ihre Rechte und Grenzen kennen.
- Arbeitsvertrag und Tarifvertrag prüfen: Was ist zu Mehrarbeit und Überstunden geregelt?
- Arbeitszeiten dokumentieren: Eigene Aufzeichnungen helfen, den Überblick zu behalten und Ansprüche später durchzusetzen.
- Gesundheit ernst nehmen: Permanenter Extremstress ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Risiko.
Im Zweifel kann rechtlicher Rat sinnvoll sein, etwa über Gewerkschaften, Beratungsstellen oder spezialisierte Anwälte für Arbeitsrecht.


