Das neue Altersvorsorgedepot startet ab 1. Januar 2027 und bringt für Späteinsteiger ab 55 Jahren einen überraschenden Vorteil. Während jüngere Sparer über Jahrzehnte von Zinseszinseffekten profitieren, erreichen ältere Anleger durch die kürzere Ansparzeit eine deutlich höhere Förderquote auf ihre Eigenbeiträge. Der Bundestag hat die Reform am 27. März 2026 beschlossen, der Bundesrat stimmte am 8. Mai 2026 zu.
Kernpunkte der neuen Altersvorsorge-Reform
Der Deutsche Bundestag verabschiedete Ende März 2026 das Gesetz zur Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge. Damit endet die Ära der umstrittenen Riester-Rente und wird durch ein kapitalmarktorientiertes System ersetzt. Das Altersvorsorgedepot ermöglicht erstmals staatlich geförderte Investitionen in ETFs, Aktien und Fonds ohne teure Garantieverpflichtungen. Der Kreis der Begünstigten wurde massiv ausgeweitet und umfasst nun auch Selbstständige und Angehörige von Kammerberufen.
So funktioniert die staatliche Förderung
Die Förderung erfolgt gestaffelt nach der Einzahlungshöhe und ist unabhängig vom Einkommen. Für die ersten 360 Euro Jahresbeitrag zahlt der Staat 50 Prozent dazu, also maximal 180 Euro. Auf weitere Einzahlungen von 360,01 bis 1.800 Euro gibt es 25 Prozent Förderung, weitere 360 Euro. Die maximale Grundzulage beträgt damit 540 Euro pro Jahr. Zusätzlich profitieren Familien von einer Kinderzulage in Höhe von bis zu 300 Euro pro kindergeldberechtigtem Kind. Berufseinsteiger unter 25 Jahren erhalten einmalig einen Bonus von 200 Euro.
Warum Späteinsteiger ab 55 die höchste Förderquote erhalten
Der entscheidende Vorteil für ältere Sparer liegt in der Relation zwischen staatlicher Förderung und Eigenbeitrag. Die Förderung ist für alle Altersgruppen identisch aufgebaut, doch Späteinsteiger zahlen nur wenige Jahre ein. Dadurch verteilt sich die staatliche Unterstützung auf deutlich weniger Eigenbeiträge und gewinnt relativ an Gewicht. Ein 55-Jähriger, der jährlich 1.200 Euro einzahlt und 390 Euro Grundzulage erhält, erreicht eine sofortige Förderquote von 33 Prozent auf den Eigenbeitrag. Diese Rendite erhalten Sparer unabhängig von der Marktentwicklung und bereits im ersten Jahr.
Praxisbeispiel: 10 Jahre sparen ab 55
Ein konkretes Rechenbeispiel verdeutlicht den Effekt. Thomas ist 55 Jahre alt und zahlt ab 2027 monatlich 150 Euro ein, was 1.800 Euro pro Jahr entspricht. Er erhält die volle Grundzulage von 540 Euro. Insgesamt fließen damit jährlich 2.340 Euro ins Depot. Nach zehn Jahren hat er 18.000 Euro selbst eingezahlt, aber 5.400 Euro staatliche Förderung erhalten – zusammen 23.400 Euro. Hinzu kommen mögliche Wertsteigerungen, die während der Ansparphase steuerfrei bleiben. Die 5.400 Euro staatliche Förderung entsprechen rund 30 Prozent seines Eigenbeitrags über die gesamte Laufzeit.
Zusätzliche Steuervorteile durch Günstigerprüfung
Neben der Grundzulage greift bei höherem Einkommen eine automatische Günstigerprüfung. Die Beiträge können als Sonderausgaben gemäß § 10a EStG steuerlich geltend gemacht werden. Bei einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent und einer Einzahlung von 1.800 Euro pro Jahr kann die Steuerersparnis rund 980 Euro betragen – deutlich mehr als die 540 Euro Grundzulage. Das Finanzamt prüft automatisch, welche Variante günstiger ist, sofern die Anlage AV in der Steuererklärung ausgefüllt wird. Diese Kombination aus Zulagen und Steuervorteil macht das Altersvorsorgedepot besonders für gut verdienende Späteinsteiger attraktiv.
Steuerfreie Ansparphase und nachgelagerte Besteuerung
Während der gesamten Ansparphase fallen weder Abgeltungsteuer noch Vorabpauschale auf Erträge an. Alle Gewinne und Dividenden bleiben vollständig im Depot investiert und profitieren vom Zinseszinseffekt. Die Besteuerung erfolgt erst bei Auszahlung ab dem vollendeten 65. Lebensjahr. Beträge, die im Rahmen der staatlichen Förderung (bis zu 1.800 Euro jährlich plus Zulagen) eingezahlt wurden, unterliegen dann der vollständigen Besteuerung nach § 22 Nr. 5 EStG mit dem persönlichen Einkommensteuersatz. Dieser liegt im Ruhestand häufig unter dem Steuersatz während der Erwerbsphase. Einzahlungen oberhalb der Fördergrenze von 1.800 Euro werden nach dem Halbeinkünfteverfahren oder mit dem Ertragsanteil besteuert.
Wichtige Fakten zum Altersvorsorgedepot im Überblick
Für wen sich das Altersvorsorgedepot besonders lohnt
Das Altersvorsorgedepot ist grundsätzlich für alle geeignet, die von staatlicher Förderung profitieren möchten. Besonders attraktiv ist es für Sparer ab 55 Jahren, da die Förderquote auf den Eigenbeitrag am höchsten ausfällt. Geringverdiener mit einem Bruttoeinkommen unter 26.250 Euro erhalten zusätzlich einen jährlichen Bonus von 175 Euro, sofern sie mindestens 120 Euro selbst einzahlen. Familien mit Kindern profitieren von den Kinderzulagen, die pro kindergeldberechtigtem Kind bis zu 300 Euro betragen. Selbstständige und Angehörige von Kammerberufen können erstmals von einer staatlich geförderten Altersvorsorge Gebrauch machen. Auch für Berufseinsteiger unter 25 Jahren ist das Depot durch den einmaligen Bonus von 200 Euro und die lange Ansparzeit interessant.
Kostendeckel und öffentliches Angebot geplant
Die Reform führt einen Kostendeckel für Anbieter von Finanzprodukten ein. Dies soll verhindern, dass hohe Verwaltungskosten die Rendite schmälern – ein Hauptkritikpunkt der alten Riester-Verträge. Neben Angeboten privater Finanzfirmen ist auch ein staatliches Altersvorsorgedepot geplant. Dieses soll besonders kostengünstig sein und als Referenz für den Markt dienen. Die genaue Ausgestaltung und der Starttermin des öffentlichen Angebots stehen noch nicht fest.
Unterschiede zur bisherigen Riester-Rente
Im Gegensatz zur Riester-Rente verzichtet das Altersvorsorgedepot auf teure Garantieverpflichtungen. Bei Garantieprodukten darf das garantierte Kapital maximal 80 oder 100 Prozent der gezahlten Beiträge betragen, doch auch Depots ohne Garantien sind zulässig. Dies ermöglicht höhere Renditechancen durch eine stärkere Aktienquote. Die Förderung ist beim Altersvorsorgedepot einkommensunabhängig, während bei Riester die Höhe der Förderung vom rentenversicherungspflichtigen Einkommen abhing. Zudem können erstmals auch Selbstständige und Kammerberufe von der staatlichen Förderung profitieren. Bestehende Riester-Verträge können bis Ende 2026 noch abgeschlossen werden.
Kritische Punkte und Risiken
Trotz der attraktiven Förderung birgt das Altersvorsorgedepot auch Risiken. Investitionen in Aktien und ETFs unterliegen Kursschwankungen, sodass bei ungünstiger Marktentwicklung Verluste möglich sind – besonders bei kurzer Ansparzeit. Für Späteinsteiger ab 55 ist das Zeitfenster bis zur Rente deutlich kürzer, was das Marktrisiko erhöht. Die nachgelagerte Besteuerung kann je nach persönlicher Steuersituation im Alter zu höheren Abgaben führen. Zudem ist das angesparte Kapital bis zum vollendeten 65. Lebensjahr gebunden. Eine vorzeitige Verfügung ist nur unter Verlust der Förderung möglich. Die jährliche Pflicht zur Abgabe der Anlage AV in der Steuererklärung bedeutet zusätzlichen Verwaltungsaufwand.
Ausblick: Start ab 2027
Nach der Zustimmung des Bundesrats am 8. Mai 2026 steht nur noch die Unterzeichnung durch den Bundespräsidenten und die Verkündung im Bundesgesetzblatt aus. Die Reform wird voraussichtlich am 1. Januar 2027 in Kraft treten. Ab diesem Zeitpunkt können Bürger bei zertifizierten Anbietern ein Altersvorsorgedepot eröffnen. Für die ersten Jahre wird mit einem erheblichen Interesse gerechnet, insbesondere bei Sparern ab 55 Jahren, die von der hohen Förderquote profitieren möchten. Experten empfehlen, sich frühzeitig über Anbieter zu informieren und die Kosten zu vergleichen, sobald konkrete Angebote vorliegen.

