Pflegegeld gilt gesetzlich als besonders geschützt. Trotzdem kann es passieren, dass am Monatsende weniger oder gar kein Geld auf dem Konto ankommt, obwohl der Anspruch eigentlich unpfändbar ist. Das Bayerische Landessozialgericht hat in einem Verfahren entschieden, dass private Pflegeversicherungen offene Beitragsschulden direkt mit dem laufenden Pflegegeld verrechnen dürfen. Die vollständige Entscheidung ist bei der Sozialgerichtsbarkeit dokumentiert einsehbar. Betroffen sind vor allem privat Pflegepflichtversicherte mit angesammelten Beitragsrückständen.
Der Fall: Pflegegeld blieb aus, weil Beiträge fehlten
Eine gesetzlich rentenversicherte, aber privat pflegepflichtversicherte Frau erhielt ab Januar 2017 monatlich 316 Euro Pflegegeld aus ihrer privaten Pflegepflichtversicherung. Gleichzeitig hatte sie über Jahre hinweg Beiträge nicht oder nur teilweise gezahlt. Zum 31. März 2017 hatten sich daraus Rückstände von rund 3.243 Euro angesammelt. Statt das Pflegegeld auszuzahlen, verrechnete die Versicherung die Leistung fortlaufend mit den offenen Forderungen.
Die Betroffene klagte dagegen und berief sich darauf, dass Pflegegeld als Sozialleistung grundsätzlich unpfändbar sei. Zudem verwies sie auf ihr eingerichtetes Pfändungsschutzkonto. Das Sozialgericht Würzburg wies die Klage in erster Instanz ab, woraufhin die Frau in Berufung ging.
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👉 Jetzt als bevorzugte Quelle bei Google News speichern (⭐️ klicken)Warum das Gericht der Versicherung Recht gab
Das Landessozialgericht bestätigte die Entscheidung der Vorinstanz. Grundsätzlich stellten die Richter klar, dass Pflegegeld auch bei privaten Pflegeversicherungen unter Pfändungsschutz steht. Dieser Schutz richtet sich jedoch gegen den Zugriff durch außenstehende Gläubiger, etwa Inkassounternehmen oder Gerichtsvollzieher.
Für den eigenen Versicherer gilt eine andere Rechtsgrundlage: Nach § 394 Satz 2 BGB dürfen Versicherungsunternehmen eigene Beitragsforderungen mit laufenden Versicherungsleistungen verrechnen. Diese Regelung greift unabhängig vom allgemeinen Pfändungsschutz, solange die betroffene Person dadurch nicht hilfebedürftig im Sinne des SGB II oder SGB XII wird. Genau das war im vorliegenden Fall nicht gegeben, sodass kein besonderer Schutz nach dem Versicherungsvertragsgesetz griff.
Das Pfändungsschutzkonto half in diesem Fall nicht
Die Klägerin hatte vorsorglich ein Pfändungsschutzkonto eingerichtet, das bestimmte Beträge vor dem Zugriff Dritter bewahrt. Das Gericht stellte jedoch klar, dass ein solches Konto nur Gelder schützt, die tatsächlich dort eingehen. Wird das Pflegegeld bereits vor der Auszahlung von der Versicherung mit Beitragsschulden verrechnet, kommt der Kontoschutz gar nicht erst zum Tragen. Allgemeine Informationen zum Funktionsprinzip des P-Kontos stellt das Bundesministerium der Justiz bereit.
| Schutzmechanismus | Wirkung |
|---|---|
| Pfändungsschutz nach ZPO | Schützt vor Zugriff durch Dritte wie Inkassounternehmen |
| Pfändungsschutzkonto (P-Konto) | Schützt nur bereits eingegangenes Geld |
| § 394 Satz 2 BGB | Erlaubt Verrechnung durch den eigenen Versicherer mit Beitragsschulden |
| Hilfebedürftigkeit nach SGB II/XII | Setzt der Verrechnung eine Grenze |
Bedeutung für privat Pflegeversicherte
Die Entscheidung stammt aus dem Jahr 2019, ist aber weiterhin geltendes Recht und wurde seither nicht durch neue Gesetzgebung oder höchstrichterliche Rechtsprechung eingeschränkt. Sie bleibt damit für alle relevant, die privat pflegepflichtversichert sind und Beitragsrückstände aufgebaut haben. Wer in dieser Situation Beitragsrückstände hat, muss weiterhin damit rechnen, dass Pflegegeld nicht in voller Höhe ausgezahlt wird, selbst wenn die Leistung eigentlich als unpfändbar gilt. Das Gericht begründete dies auch damit, dass die Verrechnung den Versicherungsvertrag insgesamt erhalten und einen vollständigen Wegfall des Versicherungsschutzes verhindern soll.
Häufige Fragen zum Urteil
Was bedeutet Aufrechnung bei Pflegegeld konkret?
Aufrechnung bedeutet, dass die Pflegeversicherung eine eigene, fällige Forderung gegen den Anspruch auf Pflegegeld gegenrechnet. Statt der vollen Leistung wird nur die Differenz oder gar nichts ausgezahlt, weil die Beitragsschuld direkt verrechnet wird.
Warum schützt das Pfändungsschutzkonto in diesem Fall nicht?
Ein P-Konto bewahrt nur Beträge, die bereits auf dem Konto eingegangen sind, vor dem Zugriff durch Gläubiger. Erfolgt die Verrechnung bereits vorher durch den Versicherer selbst, wird das Geld gar nicht erst überwiesen, sodass der Kontoschutz ins Leere läuft.
Wann darf eine private Pflegeversicherung nicht mit dem Pflegegeld verrechnen?
Eine Verrechnung ist ausgeschlossen, wenn die versicherte Person durch die Kürzung hilfebedürftig im Sinne des SGB II oder SGB XII würde oder bereits entsprechende Leistungen bezieht. In diesen Fällen greift ein besonderer sozialrechtlicher Schutz.
Betrifft das Urteil auch Personen mit gesetzlicher Pflegeversicherung?
Das konkrete Verfahren betraf eine private Pflegepflichtversicherung und die Anwendung von § 394 BGB. Für die gesetzliche Pflegeversicherung gelten eigene sozialrechtliche Aufrechnungsvorschriften, die grundsätzlich engere Grenzen setzen als das Bürgerliche Gesetzbuch.