Fast drei Viertel der deutschen Beschäftigten arbeiten bereits mehr, als ihr Vertrag vorschreibt – während sich Politik und Wirtschaft seit dem Start der neuen Grundsicherung für Arbeitsuchende am 1. Juli 2026 vor allem auf Erwerbslose konzentrieren. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Das eigentliche Arbeitszeitproblem liegt an anderer Stelle.
Mehrheit ist bereit, mehr zu leisten – wenn die Bedingungen stimmen
Die politische Debatte der vergangenen Monate erweckte oft den Eindruck, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet. Eine repräsentative Befragung des Marktforschungsinstituts Appinio im Auftrag der Jobplattform Indeed zeichnet ein anderes Bild. Von 1.000 befragten Beschäftigten gab mehr als die Hälfte an, grundsätzlich bereit zu sein, Überstunden zu leisten – knapp jeder Fünfte sogar dauerhaft. Bereits jetzt arbeitet ein Großteil der Befragten mehr, als im Arbeitsvertrag festgelegt ist.
Entscheidend ist dabei ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte bislang wenig Beachtung fand: Die Bereitschaft zu mehr Arbeit hängt eng davon ab, ob sich die zusätzliche Leistung für die Beschäftigten auch spürbar lohnt.
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👉 Jetzt als bevorzugte Quelle bei Google News speichern (⭐️ klicken)Was Beschäftigte von zusätzlicher Arbeit abhält
Wer laut der Befragung nicht bereit ist, mehr zu arbeiten, nennt vor allem das Privatleben, die eigene Gesundheit und familiäre Verpflichtungen als Gründe. Ein weiterer, häufig genannter Punkt sind fehlende finanzielle Anreize. Genau dieser Punkt verbindet die Umfrage mit einer Debatte, die derzeit auch im Sozialrecht geführt wird: Wie stark lohnt sich zusätzliche Erwerbsarbeit tatsächlich, wenn ergänzend Sozialleistungen bezogen werden?
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verweist in eigenen Analysen darauf, dass insbesondere Geringverdienende im Leistungsbezug kaum finanzielle Anreize hätten, ihre Arbeitszeit auszuweiten, solange die Anrechnung von Erwerbseinkommen auf Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag so ausgestaltet ist wie bisher.
Anreize statt Appelle: Was sich Beschäftigte wünschen
Als wirksamste Anreize für mehr Arbeitseinsatz nannten die Befragten ein attraktiveres Grundgehalt, steuerliche Vorteile, flexiblere Arbeitszeiten und Bonuszahlungen. Gleichzeitig fühlen sich viele im Arbeitsalltag ausgebremst, mehr zu leisten. Als Hauptursache gilt akuter Personalmangel, gefolgt von unnötiger Bürokratie, langsamen Prozessen, unklaren Zielvorgaben, mangelhafter Führung sowie zu vielen Terminen und veralteter Technik.
Indeed-Expertin Virginia Sondergeld ordnet das Ergebnis so ein: Die reine Fokussierung auf mehr Arbeitsstunden greife in der Debatte um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu kurz. Viele Beschäftigte seien bereit, mehr zu leisten, sofern sie selbst davon profitieren könnten.
| Anreize für mehr Arbeit | Größte Hemmnisse im Alltag |
|---|---|
| Höheres Grundgehalt | Akuter Personalmangel |
| Steuerliche Vorteile | Unnötige Bürokratie |
| Flexible Arbeitszeiten | Langsame Prozesse |
| Bonuszahlungen | Unklare Zielvorgaben, veraltete Technik |
Politische Debatte wirkt auf viele demotivierend
Ein weiterer Befund dürfte in der Politik für Diskussionen sorgen: Fast die Hälfte der Befragten gab an, die öffentliche Debatte um längere Arbeitszeiten als demotivierend zu empfinden. Nur etwa ein Drittel fühlte sich dadurch angespornt. Aus Sicht von Sondergeld ist die Erhöhung der Arbeitsstunden zudem nur ein Faktor unter mehreren, um die Wirtschaftsleistung zu steigern. Der zweite zentrale Hebel sei die Produktivität, die sich durch Investitionen in Infrastruktur, Technologie und den Abbau von Bürokratie steigern lasse.
Bezug zur Reform der Grundsicherung
Die Ergebnisse treffen auf eine Zeit, in der der Gesetzgeber die Grundsicherung für Arbeitsuchende bereits umgebaut hat. Der Bundestag verabschiedete das entsprechende Gesetz am 5. März 2026, der Bundesrat billigte es am 27. März 2026. Seit dem 1. Juli 2026 gilt wieder der Vermittlungsvorrang, das frühere Bürgergeld heißt nun Grundsicherungsgeld, und Vermögensfreibeträge wurden abgesenkt.
Parallel wird innerhalb der Koalition weiterhin über strengere Zuverdienstregeln diskutiert, während Ökonomen eher eine bessere Abstimmung von Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag für wirksamer halten als schärfere Sanktionen. Die Indeed-Umfrage liefert dazu einen bemerkenswerten Gegenpunkt: Nicht mangelnde Arbeitsbereitschaft, sondern fehlende finanzielle Anreize und strukturelle Hürden im Arbeitsalltag erscheinen als die größeren Bremsen – sowohl bei Erwerbstätigen als auch, den IAB-Analysen zufolge, bei Menschen im Leistungsbezug.
Häufige Fragen zur Arbeitszeit-Umfrage
Wie viele Beschäftigte wären laut der Umfrage zu mehr Arbeit bereit?
Mehr als die Hälfte der 1.000 befragten Beschäftigten gab an, grundsätzlich zu Überstunden bereit zu sein, knapp 20 Prozent davon dauerhaft. Fast drei Viertel arbeiten bereits jetzt mehr, als vertraglich vorgesehen ist.
Welche Gründe nennen Beschäftigte gegen zusätzliche Arbeit?
Am häufigsten wurden das Privatleben, gesundheitliche Gründe, familiäre Verpflichtungen und fehlende finanzielle Anreize genannt. Strukturelle Probleme wie Personalmangel und Bürokratie erschweren zusätzlich, vorhandene Arbeitszeit produktiv zu nutzen.
Was hat die Umfrage mit der Reform der Grundsicherung zu tun?
Beide Themen berühren dieselbe Grundfrage: Ob sich zusätzliche Erwerbsarbeit finanziell lohnt. Während die Politik bei der Grundsicherung vor allem über Pflichten und Sanktionen diskutiert, zeigen sowohl die Umfrage als auch Arbeitsmarktforschung, dass finanzielle Anreize eine größere Rolle spielen als reiner Druck.
Welche Anreize wünschen sich Beschäftigte am meisten?
Genannt wurden vor allem ein höheres Grundgehalt, steuerliche Vorteile, flexiblere Arbeitszeiten und Bonuszahlungen. Diese Faktoren wurden deutlich häufiger genannt als reine Appelle zu mehr Arbeitseinsatz.