Am 19. Oktober 2026 hat die Deutsche Rentenversicherung erneut klargestellt, welche Grenze für Hinterbliebene gilt: Der Freibetrag für die Einkommensanrechnung liegt bei 1.122,53 Euro netto im Monat, für jedes waisenrentenberechtigte Kind kommen 238,11 Euro hinzu. Von einem zusätzlichen Sockelbetrag ist keine Rede. Wer für Sommer 2027 mit mehr Spielraum plant, kalkuliert mit Geld, das nicht kommt.
Ein Vorhaben aus der Ampel-Zeit, das nie Gesetz wurde
Die Zahl 538 Euro geistert seit Wochen durch Berichte über die Witwenrente. Ihr Ursprung liegt im Jahr 2024: Die damalige Bundesregierung wollte im Rahmen ihrer Wachstumsinitiative erreichen, dass sich Arbeit für Witwen und Witwer stärker lohnt. Erwerbseinkommen und kurzfristiges Erwerbsersatzeinkommen sollten bis zur damaligen Minijobgrenze von 538 Euro monatlich vorab unberücksichtigt bleiben. Starten sollte die Neuregelung zum 1. Juli 2027, weil die Rentenversicherung Vorlauf für die technische Umstellung brauchte.
Daraus wurde nichts. Mit dem Bruch der Ampel-Koalition im November 2024 ist der Sockelbetrag nie Gesetz geworden. Ein Blick in die Rechtsgrundlagen bestätigt das: Weder § 97 SGB VI noch die §§ 18a oder 18b SGB IV wurden entsprechend geändert, eine Sonderregelung für einen Sockelbetrag fehlt ebenfalls.
Dass die 538 Euro dennoch weiter kursieren, hat auch mit missverständlichen Darstellungen zu tun. In einzelnen Beiträgen wurde der Eindruck erweckt, der Sockelbetrag sei über ein Bürokratieentlastungsgesetz bereits beschlossen. Das trifft nicht zu.
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Sollte die Bundesregierung den Sockelbetrag für Erwerbseinkommen bei der Witwenrente doch noch einführen?
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Was die neue Koalition und die Rentenkommission vorhaben
CDU, CSU und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag von 2025 zwar bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten für Hinterbliebene in Aussicht gestellt. Bislang liegt dazu aber kein neuer Gesetzentwurf vor. Ein konkreter Betrag oder ein Starttermin ergibt sich aus der Absichtserklärung nicht.
Bewegung in die Debatte brachte Ende Juni 2026 der Abschlussbericht der Alterssicherungskommission. Unter Empfehlung 11 regen die Fachleute an, Reformmöglichkeiten zu prüfen, mit denen die Hinterbliebenenversorgung an veränderte gesellschaftliche Bedingungen angepasst wird. Eine Abschaffung empfiehlt der Bericht nicht, ein Sockelbetrag für Erwerbseinkommen taucht als konkrete Maßnahme ebenso wenig auf. Für Hinterbliebene bedeutet das: Die Einkommensanrechnung bleibt vorerst so, wie sie ist, und eine mögliche Reform könnte am Ende ganz anders aussehen als der Plan von 2024.
Selbst wenn das alte Modell wiederbelebt würde, wären die 538 Euro überholt. Der Sockelbetrag sollte an die Minijobgrenze gekoppelt sein, und diese liegt 2026 bei 603 Euro im Monat.
Diese Freibeträge gelten bis Ende Juni 2027
Maßgeblich bleibt § 97 SGB VI. Der Freibetrag ist an den aktuellen Rentenwert geknüpft und entspricht dessen 26,4-fachem Wert, der Kinderzuschlag dem 5,6-fachen. Zum 1. Juli 2026 stieg der monatliche Freibetrag von 1.076,86 Euro auf 1.122,53 Euro.
| Situation der hinterbliebenen Person | Monatlicher Freibetrag 1.7.2026 bis 30.6.2027 |
|---|---|
| Ohne berücksichtigungsfähiges Kind | 1.122,53 Euro |
| Mit einem berücksichtigungsfähigen Kind | 1.360,64 Euro |
| Mit zwei berücksichtigungsfähigen Kindern | 1.598,75 Euro |
| Mit drei berücksichtigungsfähigen Kindern | 1.836,86 Euro |
| Zusätzlicher Sockelbetrag für Erwerbseinkommen | gesetzlich nicht vorgesehen |
Der Kinderzuschlag wird nur für Kinder gewährt, die Anspruch auf Waisenrente haben oder diesen nur deshalb nicht haben, weil sie nicht vom verstorbenen Elternteil abstammen. Dass irgendwann Kinder großgezogen wurden, genügt nicht. Die Einzelheiten regelt § 97 SGB VI.
Wichtig ist zudem der Zeitbezug. Für die Anrechnung ab Juli 2026 zählt das Nettoeinkommen aus dem Kalenderjahr 2025, auch wenn der Verdienst inzwischen gestiegen ist. Gemeint ist nicht das Netto auf dem Kontoauszug, sondern ein nach rentenrechtlichen Pauschalen ermittelter Wert.
Wie die 40-Prozent-Regel im Alltag wirkt
Liegt das anrechenbare Einkommen über dem Freibetrag, wird nur ein Teil des Überschusses abgezogen. Der übersteigende Betrag wird zu 40 Prozent auf die Rente angerechnet.
Ein Beispiel: Eine Witwe ohne waisenrentenberechtigtes Kind kommt auf ein anrechenbares Nettoeinkommen von 1.430 Euro. Das sind 307,47 Euro mehr als der Freibetrag. 40 Prozent davon, also 122,99 Euro, werden von ihrer Witwenrente abgezogen. Hat sie ein Kind mit Waisenrentenanspruch, steigt ihr Freibetrag auf 1.360,64 Euro. Der Überschuss schrumpft dann auf 69,36 Euro, die Kürzung auf 27,74 Euro.
Erreicht der Anrechnungsbetrag die Höhe der Hinterbliebenenrente, kann die Zahlung vollständig ruhen. Eine Schonfrist gibt es nur zu Beginn: Während des Sterbevierteljahres bleibt eigenes Einkommen bei Witwen- und Witwerrenten unberücksichtigt.
Was sich zum 1. Juli 2027 tatsächlich ändern dürfte
Eine Änderung ist absehbar, nur eben nicht die erhoffte. Weil der Freibetrag an den Rentenwert gekoppelt ist, steigt er mit der nächsten Rentenanpassung automatisch mit. Wie hoch er ab Juli 2027 ausfällt, steht noch nicht fest; die Bundesregierung legt die Rentenerhöhung üblicherweise im Frühjahr fest. Zahlen, die derzeit für 2027 genannt werden, beruhen auf angenommenen Erhöhungen. Mit dem früher geplanten Sockelbetrag hat diese reguläre Anpassung nichts zu tun.
Sinkt das eigene Einkommen spürbar, muss außerdem niemand bis zum nächsten Juli warten. Fällt das laufende Einkommen um mindestens zehn Prozent unter den zuletzt berücksichtigten Wert, kann die Rentenversicherung früher neu rechnen, sofern der Rückgang gemeldet und belegt wird. Einen Überblick bietet die Rentenversicherung auf ihrer Seite zu Hinzuverdienst und Einkommensanrechnung.
Häufige Fragen zum Freibetrag bei der Witwenrente
Gibt es ab Juli 2027 einen zusätzlichen Freibetrag von 538 Euro?
Nein. Der Sockelbetrag war Teil eines Regierungsvorhabens aus dem Jahr 2024, das mit dem Ende der Ampel-Koalition nicht mehr umgesetzt wurde. Im geltenden Recht ist er nicht enthalten, und auch die aktuellen Informationen der Rentenversicherung kennen ihn nicht.
Wie hoch ist der Freibetrag derzeit?
Vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027 liegt er bei 1.122,53 Euro im Monat. Für jedes waisenrentenberechtigte Kind erhöht er sich um 238,11 Euro.
Plant die aktuelle Bundesregierung eine Neuregelung?
Der Koalitionsvertrag nennt bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten als Ziel, und die Alterssicherungskommission empfiehlt eine Prüfung der gesamten Hinterbliebenenversorgung. Ein Gesetzentwurf mit konkreten Beträgen oder Fristen für die Einkommensanrechnung liegt bisher nicht vor.
Wird jeder Euro über dem Freibetrag von der Rente abgezogen?
Nein. Angerechnet werden 40 Prozent des Betrags, der den persönlichen Freibetrag übersteigt. Liegt das anrechenbare Einkommen etwa 150 Euro darüber, sinkt die Hinterbliebenenrente um 60 Euro.
Kommentar: Die Politik schuldet Hinterbliebenen eine klare Antwort
Der Fall zeigt, wie viel Schaden ein angekündigtes, aber nie umgesetztes Vorhaben anrichten kann. Viele Witwen, die in Teilzeit arbeiten oder einen Minijob ausweiten wollten, haben mit dem Sockelbetrag gerechnet und Entscheidungen darauf aufgebaut. Dass sich die Zahl über zwei Jahre hartnäckig hält, liegt auch daran, dass die Politik sie nie offiziell beerdigt hat. Die Idee selbst war vernünftig: Wer nach dem Tod des Partners arbeitet, sollte davon spürbar mehr behalten. Gerade jetzt, wo die Rentenkommission die Hinterbliebenenversorgung grundsätzlich infrage stellt, wäre ein klares Signal angebracht, ob bessere Hinzuverdienstregeln Teil der Reform werden. Ein Prüfauftrag ohne Zeitplan gibt Betroffenen keine Planungssicherheit.