Saftige Lohnerhöhung im öffentlichen Dienst – und doch bleibt am Monatsende oft weniger übrig, als viele Beschäftigte erwarten. Hintergrund sind deutlich gestiegene Sozialabgaben und höhere Beitragsbemessungsgrenzen, die das Brutto-Plus im TVöD teilweise wieder auffressen. Wer sich über ein sattes Gehaltsplus von mehr als 300 Euro freut, erlebt auf der Lohnabrechnung daher nicht selten eine unangenehme Überraschung. Alle Infos dazu gibt es hier auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e. V.
TVöD-Plus – trotzdem Ernüchterung
Mit der jüngsten Tarifeinigung im öffentlichen Dienst steigen die Gehälter nach TVöD in zwei Stufen: zum April 2025 um 3,0 Prozent, zum 1. Mai 2026 noch einmal um 2,8 Prozent. Auf die Laufzeit von rund 27 Monaten summiert sich damit ein deutliches Plus, das in vielen Entgeltgruppen einen Zuwachs von mehreren Hundert Euro brutto pro Monat bedeutet. Ein Beispiel zeigt die Dimension: Ein Angestellter in Entgeltgruppe 11, Stufe 4, kommt 2026 auf ein Brutto-Plus von rund 300 Euro im Monat und landet bei ca. 5.455 Euro.
Auf dem Papier sieht das nach einem kleinen Geldregen aus. Doch wer genauer in die Zahlen blickt, merkt schnell: Das dickere Brutto bedeutet nicht automatisch mehr Netto-Freiraum. Vor allem Beschäftigte mit mittleren und höheren Einkommen spüren, dass das Steuer- und Abgabensystem einen großen Teil der Tariferhöhung wieder kassiert.
Gestiegene Sozialabgaben fressen das Plus auf
Der entscheidende Haken liegt bei den Sozialabgaben. Zum Jahreswechsel wurden die Beitragsbemessungsgrenzen in Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung spürbar angehoben. Wer mit seinem TVöD-Gehalt in diese Bereiche hineinwächst, zahlt auf einen größeren Teil des Einkommens Beiträge – und damit mehr Abgaben, obwohl der Prozentsatz formal nahezu unverändert bleibt.
Besonders ins Gewicht fallen dabei:
- Anstieg der Beitragsbemessungsgrenze in der Kranken- und Pflegeversicherung auf gut 5.800 Euro.
- Höhere Beitragsbemessungsgrenzen in der Renten- und Arbeitslosenversicherung auf über 8.000 Euro monatlich.
- Zusätzliche Belastung durch den kassenindividuellen Zusatzbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Die Folge: Ab einem monatlichen Brutto von rund 5.500 Euro kann das Netto trotz Tarifplus stagnieren – oder sogar leicht sinken. Spitzenverdiener mit etwa 9.000 Euro brutto im Monat verlieren laut einer DATEV-Auswertung über 400 Euro netto im Jahr, obwohl ihr Brutto 2026 höher ausfällt.
Analyse von Millionen Lohnabrechnungen
Ein besonderes Gewicht erhält diese Entwicklung durch eine umfangreiche Analyse des Softwarehauses DATEV. Das Unternehmen wertet regelmäßig Lohn- und Gehaltsabrechnungen von rund 14,7 Millionen Beschäftigten in Deutschland aus. Für die Effekte der neuen Sozialversicherungsregeln 2026 wurden sechs Einkommensstufen und verschiedene Familienkonstellationen durchgerechnet.
Das Bild ist eindeutig:
- Geringere und mittlere Einkommen profitieren netto vom Tarifplus, weil sie unter vielen Bemessungsgrenzen bleiben.
- Ab höheren Einkommen frisst der „Progressionseffekt“ der Sozialabgaben den Gehaltszuwachs teilweise wieder auf.
Steuerlich kommt noch der progressive Einkommensteuertarif hinzu, der höhere Zuwächse stärker besteuert (§ 32a EStG). In Kombination sorgt das dafür, dass von einem nominellen Brutto-Plus von rund 300 Euro mitunter nur ein deutlich kleinerer Betrag auf dem Konto ankommt – oder im Extremfall sogar eine leichte Netto-Minderung entsteht.
Hintergrund: TVöD-Tarifrunde und Inflationsausgleich
Die aktuelle Situation baut auf mehreren Schritten der vergangenen Jahre auf. Bereits 2023 hatten sich Bund und Kommunen in einer zähen Tarifrunde auf ein Paket mit steuer- und beitragsfreien Inflationsausgleichszahlungen von insgesamt 3.000 Euro geeinigt. Diese Einmalzahlungen – 1.240 Euro im Juni 2023 sowie acht Monatsraten von 220 Euro bis Februar 2024 – waren netto gleich brutto und sollten vor allem den akuten Kaufkraftverlust durch die hohe Inflation abfedern (§ 3 Nr. 11c EStG).
Die nun wirksamen linearen Erhöhungen ab 2025 und 2026 ersetzen diese temporären Prämien und fließen dauerhaft ins Tabellenentgelt ein (§ 15, § 20 TVöD). Für die Beschäftigten bedeutet das zwar eine langfristige Stabilisierung des Einkommens, gleichzeitig machen die regulären Sozialbeiträge das neue Plus deutlich „schwerer“ als der frühere Inflationsbonus.
Neue Optionen: Mehrarbeit, Jahressonderzahlung, freie Tage
Die Tarifeinigung bringt neben den reinen Prozentzahlen auch strukturelle Änderungen mit sich, die vor allem die Flexibilität erhöhen sollen. Beschäftigte erhalten ab Januar 2026 die Möglichkeit, ihre Wochenarbeitszeit freiwillig zu erhöhen – allerdings nur, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich darüber einig sind.
Als Anreiz wurde ein Zuschlag vereinbart:
- 5 Prozent Zuschlag auf jede zusätzliche Stunde in den unteren Entgeltgruppen.
- 10 Prozent Zuschlag in den oberen Entgeltgruppen.
Zudem wird die Jahressonderzahlung im TVöD deutlich angehoben, was insbesondere zum Jahresende für zusätzliche Netto-Effekte sorgen kann (§ 20 TVöD). Neu ist auch das Modell sogenannter „Tage“: Ab 2026 können Beschäftigte Teile ihrer Jahressonderzahlung in bis zu drei zusätzliche freie Tage umwandeln. Damit entsteht ein Wahlrecht zwischen mehr Geld und mehr Freizeit – ein Element, das die Tarifparteien als modernes Instrument der Personalgewinnung sehen (VKA, BMI/BMAS).
Wer am meisten profitiert – und wer nicht
Unterm Strich bleibt der TVöD-Abschluss für viele ein spürbarer Fortschritt – vor allem, wenn die Grundgehälter bislang vergleichsweise niedrig waren. Niedrigere Entgeltgruppen, Teilzeitkräfte und Beschäftigte mit Familienleistungen profitieren in der Regel deutlich, da sie unter vielen Schwellenwerten der Sozialversicherung liegen und weniger stark von progressiven Effekten betroffen sind.
Für Fach- und Führungskräfte im oberen Einkommensbereich fällt die Bilanz differenzierter aus. Hier kann der Effekt der höheren Beitragsbemessungsgrenzen dazu führen, dass vom nominalen Brutto-Plus am Ende deutlich weniger übrig bleibt als erwartet. Betroffen sind nicht nur kommunale TVöD-Beschäftigte, sondern alle Arbeitnehmer, deren Gehalt durch Lohnerhöhungen in neue Beitragszonen hineinwächst.
Wer seine persönliche Situation prüfen will, sollte einen aktuellen Brutto-Netto-Rechner nutzen und die neuen Beitragswerte für 2026 berücksichtigen (z. B. Informationen der Deutschen Rentenversicherung und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, BMAS). Erst dann zeigt sich, ob der eigene „Geldregen“ tatsächlich im Portemonnaie ankommt – oder am Ende vor allem das Sozialsystem profitiert.
Quellen:
- oeffentlicher-dienst-news.de, Informationen zu TVöD-Tarifrunden und Inflationsausgleich.
- Fachportale zum Inflationsausgleich im öffentlichen Dienst.
- Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD)

