Der Systemwechsel ist beschlossen: Zum 1. Juli 2026 wird das Bürgergeld zu einer neuen Grundsicherung mit dem Namen „Grundsicherungsgeld“ umgebaut. Bundestag und Bundesrat haben das 13. Gesetz zur Änderung des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch verabschiedet, das den Vermittlungsvorrang wieder stärkt und die Arbeitspflichten für Leistungsberechtigte deutlich ausweitet. Künftig sollen Menschen, die arbeiten können, ihre Arbeitskraft im maximal zumutbaren Umfang einsetzen – Alleinstehende in der Regel in Vollzeit, Eltern bereits kurz nach dem ersten Lebensjahr des Kindes. Parallel dazu werden die Sanktionsregeln verschärft: Wer zumutbare Angebote ablehnt oder dauerhaft nicht erreichbar ist, muss mit empfindlichen Kürzungen bis hin zum vollständigen Entzug des Grundsicherungsgeldes rechnen.
Grundsicherungsgeld ab Juli 2026: Was sich für Leistungsbeziehende ändert
Der Bundestag hat am 5. März 2026 die Umgestaltung des Bürgergeldes zur neuen Grundsicherung beschlossen, der Bundesrat hat das Gesetz am 27. März gebilligt. Es handelt sich um das „13. Gesetz zur Änderung des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch und anderer Gesetze“, das die Grundsicherung für Arbeitsuchende im SGB II neu ausrichtet.
Kernpunkte der Reform:
- Das Bürgergeld heißt künftig „Grundsicherungsgeld“ und bleibt eine staatliche Unterstützung für erwerbsfähige Menschen ohne ausreichendes Einkommen.
- Vermittlung in Arbeit erhält wieder Vorrang („Vermittlungsvorrang“), Weiterbildung tritt zurück, sofern sie nicht unmittelbar in Beschäftigung führt.
- Erwerbsfähige Leistungsberechtigte müssen ihre Arbeitskraft im „maximal zumutbaren Umfang“ einsetzen.
Die Reform wird ab 1. Juli 2026 schrittweise umgesetzt; laufende Bewilligungszeiträume im Bürgergeld laufen über, bevor sie in das neue System überführt werden.
Arbeitspflicht in der neuen Grundsicherung: Wie weit „zumutbare Arbeit“ geht
Die zentrale Botschaft der Reform lautet: Wer arbeiten kann, soll arbeiten – und zwar so, dass Hilfebedürftigkeit möglichst schnell beendet wird. Nach Angaben der Bundesregierung gilt künftig: Erwerbsfähige Leistungsberechtigte sind verpflichtet, ihre Arbeitskraft im maximal zumutbaren Umfang einzusetzen, damit staatliche Unterstützung entbehrlich wird.
Wichtig: „Jede Arbeit“ meint nicht, dass wirklich jede beliebige Tätigkeit angenommen werden muss. Die Zumutbarkeit bleibt gesetzlich begrenzt und knüpft weiterhin an Kriterien wie
- gesundheitliche Leistungsfähigkeit,
- Betreuung von Kindern,
- Entfernung und Erreichbarkeit des Arbeitsortes und
- gesetzliche und tarifliche Mindestarbeitsbedingungen
an. Die konkreten Zumutbarkeitsregeln stehen im geänderten § 10 SGB II, der im Zuge der Reform angepasst, aber nicht vollständig aufgehoben wurde.
Wer arbeiten muss: Neue Vorgaben für Alleinstehende, Eltern und Kranke
Die Reform sieht abhängig von Lebenssituation und Familienstand unterschiedliche Erwartungen an die Arbeitsaufnahme vor.
- Alleinstehende: Sie sollen – sofern gesundheitlich möglich – grundsätzlich in Vollzeit arbeiten, wenn das erforderlich ist, um die Hilfebedürftigkeit zu beenden.
- Eltern kleiner Kinder: Eltern sollen bereits nach Vollendung des 14. Lebensmonats eines Kindes für Erwerbsarbeit oder Eingliederungsmaßnahmen herangezogen werden können; bisher lag die Grenze beim dritten Lebensjahr.
- Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen: Personen mit erheblichen körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen sollen gezielter unterstützt werden; bei ihnen bleibt die Zumutbarkeit eng an die Leistungsfähigkeit geknüpft.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt deutlich hin zu einer früheren und stärkeren Einbindung in Arbeit – insbesondere für Alleinstehende und Eltern.
Grenzen der Pflicht: In welchen Fällen Sie einen Job ablehnen dürfen
Auch nach der Reform gilt der Grundsatz, dass niemand zu unzumutbarer Arbeit verpflichtet werden darf. Die Kriterien der Zumutbarkeit werden im § 10 SGB II definiert und im Gesetz zur neuen Grundsicherung lediglich in Richtung einer strengeren Arbeitsverpflichtung konkretisiert.
Zu den zentralen Grenzen gehören:
- Gesundheit: Arbeit, die die Gesundheit ernsthaft gefährdet oder vorhandene Erkrankungen verschlimmert, ist nicht zumutbar; entsprechende ärztliche Nachweise sind entscheidend.
- Kinderbetreuung: Die Pflicht zur Arbeitsaufnahme wird an die tatsächliche Sicherstellung der Kinderbetreuung gekoppelt – etwa durch Kita, Schule oder Tagespflege.
- Sittenwidrige oder rechtswidrige Arbeit: Tätigkeiten, die gegen Gesetz, Tarifvertrag oder die guten Sitten verstoßen, müssen auch künftig nicht angenommen werden.
- Religiöse oder ethische Gründe: In engen Ausnahmefällen können auch Gewissensgründe eine Rolle spielen, etwa bei bestimmten Tätigkeiten; dies wird jedoch restriktiv gehandhabt.
Die Jobcenter müssen die Zumutbarkeit stets im Einzelfall prüfen und nachweisbar begründen. Leistungsberechtigte können gegen entsprechende Entscheidungen Widerspruch einlegen und gegebenenfalls Sozialgerichtsklage erheben.
Grenzen der Pflicht: In welchen Fällen Sie einen Job ablehnen dürfen
Mit der neuen Grundsicherung werden die Sanktionsmöglichkeiten bei Pflichtverstößen deutlich ausgeweitet. Ein zumutbares Jobangebot grundlos abzulehnen oder eine Maßnahme abzubrechen, kann künftig schneller und stärker zu Leistungskürzungen führen als bisher.
Laut Bundesarbeitsministerium und Begleitinformationen gelten ab 1. Juli 2026 folgende Leitlinien:
- Der Regelbedarf kann bei Pflichtverletzungen für jeweils bis zu drei Monate gemindert werden.
- Bei wiederholten Pflichtverstößen sind abgestufte, aber deutlich spürbare Kürzungen vorgesehen.
- In Extremfällen – etwa dauerhafter Unerreichbarkeit – können Leistungen einschließlich der Kosten der Unterkunft vollständig entzogen werden.
Neu ist insbesondere, dass bei klarer Arbeitsverweigerung der Regelbedarf bereits nach einer Pflichtverletzung entfallen kann – eine vorherige „Vorwarnstufe“ ist nicht mehr zwingend. Menschen mit schweren gesundheitlichen oder psychischen Einschränkungen sollen aber weiterhin besonderen Schutz genießen, müssen dies in der Praxis häufig gut dokumentieren.
Was bleibt: Welche Leistungen und Schutzmechanismen weiter gelten
Trotz des deutlich schärferen Fokus auf Arbeitsaufnahme bleibt die neue Grundsicherung eine existenzsichernde Leistung nach SGB II. Die Regelsätze bleiben nach derzeitiger Regierungsplanung zunächst auf dem bisherigen Niveau, eine zusätzliche Erhöhung ist zum Start der Reform nicht vorgesehen.
Wesentliche Elemente, die bestehen bleiben:
- Übernahme angemessener Unterkunfts- und Heizkosten durch die Jobcenter.
- Freibeträge beim Hinzuverdienst, die Arbeit finanziell attraktiver machen sollen, bleiben grundsätzlich erhalten, werden teilweise aber neu justiert.
- Beratung, Qualifizierung und Maßnahmen zur Eingliederung in Arbeit bleiben zentrale Instrumente der Jobcenter.
Damit gilt weiterhin das Prinzip des „Förderns und Forderns“ – allerdings mit einem deutlich betonten Schwerpunkt auf Fordern und unmittelbarer Arbeitsaufnahme.
Neue Grundsicherung kompakt: Die wichtigsten Regeln im Überblick
Eine 32-jährige Alleinstehende erhält bisher Bürgergeld und geht keiner Arbeit nach. Ab 1. Juli 2026 wird ihr Anspruch als Grundsicherungsgeld fortgeführt. Das Jobcenter bietet ihr eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle im Einzelhandel an, die gesundheitlich möglich und mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist.
Lehnt sie dieses Angebot ohne wichtigen Grund ab, kann das Jobcenter den Regelbedarf für mehrere Monate vollständig kürzen – eine Abmahnstufe wie im bisherigen Bürgergeld-System ist nicht mehr erforderlich. Nimmt sie die Stelle an, bleibt ein Teil des Einkommens durch Freibeträge anrechnungsfrei, sodass sie finanziell besser dasteht als ohne Arbeit.
Neue Grundsicherung kompakt: Die wichtigsten Regeln im Überblick
| Punkt | Regelung/Stand 2026 | Bedeutung für Leistungsberechtigte |
|---|---|---|
| Starttermin | Umstellung auf „Grundsicherungsgeld“ ab 1. Juli 2026, schrittweise Umsetzung | Bürgergeld-Bewilligungen laufen über, neue Bewilligungen erfolgen nach neuem Recht |
| Rechtsgrundlage | Änderungen im Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II), „13. SGB II-Änderungsgesetz“ | Alle bisherigen Bürgergeld-Regeln in SGB II werden angepasst, nicht abgeschafft |
| Name der Leistung | Bürgergeld wird zur „neuen Grundsicherung“ bzw. „Grundsicherungsgeld“ | Signal: Rückkehr zu stärkerer Arbeitsorientierung |
| Arbeitspflicht | Pflicht, die Arbeitskraft im „maximal zumutbaren Umfang“ einzusetzen, insbesondere Vollzeit für Alleinstehende | Jede zumutbare Arbeit kann verlangt werden; Jobangebote abzulehnen wird riskanter |
| Zumutbarkeit | Orientierung an § 10 SGB II: Gesundheit, Kinderbetreuung, Rechtmäßigkeit, Sittenwidrigkeit | Arbeit, die krank macht, Betreuung unmöglich macht oder rechtswidrig ist, bleibt unzumutbar |
| Eltern kleiner Kinder | Arbeitsaufnahme oder Maßnahme bereits nach dem 14. Lebensmonat des Kindes möglich | Deutlich frühere Rückkehr in den Job als bisher; Betreuung muss gesichert sein |
| Sanktionen | Strengere Kürzungen, Regelbedarf kann für mehrere Monate ganz entfallen, vollständige Leistungseinstellung bei Dauerverstößen möglich | Arbeitsverweigerung oder Nichterreichbarkeit können existenzielle Folgen haben |
| Schutz bei Einschränkungen | Besondere Rücksicht auf gesundheitlich stark eingeschränkte Personen vorgesehen | Ärztliche Nachweise und aktive Mitwirkung entscheidend, um Sanktionen zu vermeiden |
Einordnung vom Fachanwalt: Wie streng die neue Grundsicherung wirklich ist
„Ab 1. Juli 2026 wird das Bürgergeld durch eine neue Grundsicherung ersetzt, die „Grundsicherungsgeld“ heißt. Die Reform des SGB II erhöht den Druck zur Arbeitsaufnahme deutlich. Der Wille der schwarz-roten Bundesregierung ist folgender: Wer arbeiten kann, soll jede zumutbare Arbeit annehmen müssen. Die Zumutbarkeit bleibt als gesetzlicher Schutzmechanismus vor untragbaren Zuständen bestehen.“
Praktische Tipps: Wie Sie sich auf das Grundsicherungsgeld vorbereiten
Die neue Grundsicherung führt die Grundsätze des Bürgergelds fort, verschärft aber die Pflichten zur Arbeitsaufnahme und die Sanktionen bei Verstößen deutlich. Für Sie bedeutet das: Jede zumutbare Arbeit muss ernsthaft geprüft und in aller Regel angenommen werden; gleichzeitig sollten Sie Ihre persönlichen Grenzen – insbesondere Gesundheit und Betreuungspflichten – gut dokumentieren und gegenüber dem Jobcenter klar benennen.
Prüfen Sie Ihre Eingliederungsvereinbarung, bewahren Sie ärztliche Unterlagen und Nachweise zur Kinderbetreuung sorgfältig auf und legen Sie bei zweifelhaften Sanktionen fristgerecht Widerspruch ein. Lassen Sie sich frühzeitig beraten, etwa bei Sozialberatungsstellen, Anwältinnen und Anwälten für Sozialrecht oder unabhängigen Erwerbsloseninitiativen – unter der neuen Grundsicherung kann jedes falsch eingeschätzte Jobangebot spürbare finanzielle Konsequenzen haben.

