Hamburg – 1.500 Euro Rente, 800 Euro Kaltmiete plus Nebenkosten, teure Lebensmittel und steigende Strompreise: Für viele Senioren fühlt sich der Ruhestand längst nicht mehr nach sorgenfreiem Lebensabend an. So auch für Harald M.*, 72, der seit Jahrzehnten in Hamburg-Eimsbüttel lebt und offen zeigt, wie knapp sein Alltag kalkuliert ist – und warum er ohne rund 400 Euro Wohngeld Plus längst nicht mehr in seiner Wohnung wohnen könnte.
Alle Zahlen, Hintergründe und praxisnahen Tipps finden Leserinnen und Leser hier auf Bürger & Geld, dem Nachrichtenmagazin des Vereins Für soziales Leben e. V..
„Ohne die 400 Euro Wohngeld müsste ich ausziehen“
Harald war sein Leben lang im Einzelhandel beschäftigt, Überstunden statt Spitzengehalt, viel Arbeit, wenig Sicherheit. Heute liegt seine gesetzliche Rente bei rund 1.500 Euro brutto, nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherung bleiben ihm etwa 1.350 Euro netto.
In einer Stadt wie Hamburg reicht das für Alleinstehende mit hoher Miete oft nur, wenn zusätzliche Unterstützung fließt. „Mit der Rente allein würde ich hier nicht mehr klarkommen – schon gar nicht bei den heutigen Mieten“, sagt er.
Sein Rettungsanker ist das Wohngeld Plus: Monatlich etwa 400 Euro Zuschuss, weil seine Miete im Verhältnis zur Rente und zur örtlichen Mietstufe viel zu hoch ist. „Diese 400 Euro sind der Unterschied zwischen gerade so leben und gar nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll“, beschreibt er seine Lage.
800 Euro kalt – und die Nebenkosten drücken zusätzlich
Haralds Wohnung: Zwei Zimmer, gut 55 Quadratmeter, Altbau in beliebter Lage in Eimsbüttel. Die Kaltmiete liegt bei 800 Euro, dazu kommen Nebenkosten und Heizkosten von derzeit rund 180 Euro im Monat. Zusammen macht das etwa 980 Euro warm – mehr als zwei Drittel seiner Rente.
„Früher waren die Nebenkosten ein überschaubarer Posten, heute sind sie fast wie eine zweite Miete“, sagt er. Gestiegene Heizkosten, höhere Betriebskosten und teurer Strom drücken zusätzlich.
Ohne Wohngeld Plus würde er mit seinen 1.350 Euro netto nach Abzug der Warmmiete nur rund 370 Euro für den gesamten restlichen Monat behalten. Mit den 400 Euro Zuschuss stehen ihm rechnerisch etwa 1.750 Euro zur Verfügung – damit lässt sich der Alltag zwar knapp, aber machbar gestalten.
So sieht sein Monatsbudget aus
Um nicht den Überblick zu verlieren, führt Harald ein akribisches Haushaltsbuch. Seine typische Monatsrechnung:
- Einnahmen:
- 1.350 Euro Rente (netto)
- 400 Euro Wohngeld Plus
- Summe: 1.750 Euro
- Ausgaben:
- Kaltmiete: 800 Euro
- Nebenkosten/Heizung: 180 Euro
- Strom: 60 Euro
- Lebensmittel: 350 Euro
- Handy & Internet: 40 Euro
- Versicherungen & Medikamente: 80 Euro
- Sonstiges (HVV, Kleidung, Haushalt, kleine Freizeit): 160 Euro
Bleiben am Monatsende im Idealfall rund 80 Euro übrig – ein kleiner Puffer für Rücklagen, Reparaturen oder unerwartete Nachzahlungen. „Wenn mal die Waschmaschine kaputtgeht oder eine hohe Rechnung kommt, schluckt das sofort alles weg“, sagt er.
Wohngeld Plus macht das Wohnen kalkulierbar
Mit der Wohngeldreform („Wohngeld Plus“) wurden Einkommensgrenzen angehoben und die Berechnung zugunsten Haushalten mit hohen Mietbelastungen verbessert. Gerade in Großstädten mit hohen Mietstufen – wie Hamburg – profitieren viele Rentner, deren Miete einen Großteil des Einkommens auffrisst.
Harald passt genau in dieses Raster: alleinstehend, hohe Kaltmiete, kräftige Nebenkosten und eine Rente, die zwar über der Grundsicherung liegt, aber ohne Zuschuss kaum für die Wohnkosten reichen würde. „Das Wohngeld Plus ist der Grund, warum ich noch in meinem Viertel bleiben kann“, sagt er.
Er weiß, dass viele Ältere ihren Anspruch gar nicht kennen oder aus Scham keinen Antrag stellen. „Dabei ist das kein Almosen, sondern eine Leistung, auf die man ein Recht hat, wenn die Zahlen nicht zusammenpassen“, betont er.
Rentenerhöhung frisst die Preise nicht auf
Die Rentenerhöhung 2025 brachte auch auf seinem Konto ein paar Euro mehr – gefühlt hat sich an seinem Alltag aber kaum etwas geändert. Nebenkosten, Lebensmittel und Energie wurden weiter teurer, sodass der Vorteil schnell aufgezehrt war.
Sein Wohngeld Plus wurde neu berechnet und liegt weiterhin bei rund 400 Euro. „Es bleibt unterm Strich ein Nullsummenspiel“, beschreibt er. „Die Politik sagt, die Rente steigt. Im Laden merke ich nur, dass mein Einkauf mehr kostet.“
Besonders problematisch findet er die gestiegenen Energiepreise. „Man überlegt sich dreimal, ob man die Heizung aufdreht oder ein zweites Licht anmacht“, sagt er.
Alltag im Sparmodus – und trotzdem Würde bewahren
Harald hat seinen Alltag konsequent auf Sparen ausgerichtet, ohne sich komplett zu isolieren.
Seine wichtigsten Strategien:
- Einkäufe überwiegend im Discounter, konsequente Nutzung von Angeboten und Eigenmarken.
- Fleisch höchstens ein- bis zweimal pro Woche, ansonsten viel Nudeln, Reis, Kartoffeln und Gemüse aus Sonderangeboten.
- Strom sparen: Geräte ganz ausschalten, energiesparende Lampen, Waschmaschine nur voll beladen.
- Öffentlicher Nahverkehr mit Zeitkarten oder Tageskarten, statt einzelne teure Tickets.
Trotz aller Einschränkungen versucht er, sich kleine Freuden zu erhalten: ein Kaffee unterwegs, ein Spaziergang an der Alster, ein günstiges Buch aus dem Antiquariat. „Wenn man sich gar nichts mehr gönnt, wird man innerlich arm, nicht nur auf dem Konto“, sagt er.
Ohne Unterstützung würden viele durch das Raster fallen
Der Fall von Harald steht stellvertretend für viele ältere Menschen, die knapp über der Grundsicherung liegen, sich aber ihre Wohnung in teuren Städten nicht mehr leisten könnten, wenn es Wohngeld Plus nicht gäbe. Beratungsstellen weisen immer wieder darauf hin, dass ein großer Teil der Berechtigten keinen Antrag stellt – oft aus Unwissenheit oder Angst vor Papierkram.
Kommunale Wohngeldstellen, Wohlfahrtsverbände und Online-Rechner helfen bei der ersten Einschätzung. Gerade Rentner mit hoher Kaltmiete und spürbar belastenden Nebenkosten sollten ihre Situation prüfen lassen.
„Ich hätte den Antrag allein wahrscheinlich nie geschafft“, gibt Harald zu. Ein Nachbar habe ihm geholfen, Formulare auszufüllen und Unterlagen zusammenzustellen. „Ohne den Hinweis auf Wohngeld Plus würde ich heute jeden Monat mit Bauchschmerzen die Kontoauszüge anschauen.“
„Mit Wohngeld reicht es – knapp, aber ich kann bleiben“
Harald bringt seine Lage auf den Punkt: „Reich bin ich nicht, aber ich kann meine Miete zahlen und muss keine Schulden machen – das ist in meinem Alter viel wert.“
Sein Leben bleibt von Verzicht geprägt, doch er kann in seiner vertrauten Umgebung bleiben, kennt seine Nachbarn und fühlt sich nicht aus seiner Heimat verdrängt. „Ohne die 400 Euro Wohngeld müsste ich wahrscheinlich eine kleinere, billigere Wohnung irgendwo am Stadtrand suchen – und selbst da weiß keiner, ob es überhaupt genug Wohnungen gibt.“
Sein Appell ist klar: „Wer eine niedrige Rente hat und eine hohe Kaltmiete zahlt, sollte sich informieren. Es ist keine Schwäche, Unterstützung anzunehmen – es ist eine Chance, in Würde weiterzuleben.“


