Der Pflegebeitrag 2027 soll für Kinderlose steigen, für Eltern bleibt er gleich. Die Bundesregierung will den Zuschlag für Kinderlose um 0,3 auf 0,9 Punkte anheben, am Donnerstag berät der Bundestag erstmals darüber. Für Familien mit knappem Budget rückt damit eine Regel in den Blick, die seit Juli 2023 gilt: Das erste Kind entlastet dauerhaft, jedes weitere nur auf Zeit.
Was der Regierungsentwurf zum Pflegebeitrag 2027 vorsieht
Das Bundeskabinett hat das Pflegeneuordnungsgesetz am 30. September 2026 beschlossen. Der allgemeine Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung bleibt danach bei 3,6 Prozent. Kinderlose Mitglieder ab 23 Jahren sollen ab dem 1. Januar 2027 insgesamt 4,5 statt 4,2 Prozent zahlen.
An den Abschlägen für Eltern mit mehreren Kindern ändert der Entwurf nichts. Sie liegen weiter bei 0,25 Punkten für das zweite bis fünfte Kind. Weil der Zuschlag für Kinderlose wächst, die Abschläge aber gleich bleiben, verschiebt sich das Gewicht. Das erste Kind macht beim Beitrag künftig deutlich mehr aus als jedes Geschwisterkind.
Pflegebeitrag für Eltern: Erstes Kind dauerhaft, Geschwister bis 25
Die Unterscheidung steht in § 55 SGB XI. Wer Mutter oder Vater ist, zahlt keinen Kinderlosenzuschlag. Diese Befreiung gilt ein Leben lang, auch wenn das Kind längst erwachsen ist und ausgezogen ist.
Ihre Meinung ist gefragt:
Sollte der Beitragsabschlag für das zweite und jedes weitere Kind in der Pflegeversicherung über den 25. Geburtstag hinaus gelten?
Warum sollte ich das tun? (Hier klicken)
Wenn Sie bei Google suchen, sehen Sie oft eine Schlagzeilen-Box. Sie können selbst bestimmen, was dort erscheint: Speichern Sie uns, das Nachrichtenmagazin Bürger & Geld, als bevorzugte Quelle, und erhalten Sie aktuelle, rechtliche fundierte Ratgeber-Artikel und wichtige Updates durch unsere Experten zu Themen wie Rente, Pflege, Grundsicherung, Schwerbehinderung noch schneller.
Für soziales Leben e. V. : gemeinnützig, unabhängig, sozial!
Die Abschläge für weitere Kinder sind dagegen befristet. Sie enden mit Ablauf des Monats, in dem das jeweilige Kind 25 Jahre alt wird. Ab dem sechsten Kind gibt es keinen zusätzlichen Abschlag mehr.
Ein Beispiel: Eine Mutter hat zwei Kinder im Alter von 21 und 24 Jahren und verdient 3.200 Euro brutto im Monat. Sie zahlt derzeit einen Arbeitnehmeranteil von 1,55 Prozent, also 49,60 Euro. Wird das ältere Kind 25, steigt ihr Anteil im Folgemonat auf 1,8 Prozent oder 57,60 Euro. Das sind 8 Euro mehr pro Monat, unabhängig davon, ob das Kind noch zu Hause wohnt.
Beispielrechnung zum Pflegebeitrag 2027 bei 3.200 Euro brutto
Die folgende Übersicht zeigt die Gesamtbeitragssätze und den Anteil, den Beschäftigte außerhalb Sachsens bei 3.200 Euro beitragspflichtigem Bruttolohn tragen. Der Arbeitgeber zahlt dort fest 1,8 Prozent, in Sachsen 1,3 Prozent. Zuschlag und Abschläge betreffen nur den Anteil der Beschäftigten.
| Familiensituation | Beitragssatz 2026 | Geplant 2027 | Arbeitnehmeranteil 2026 | Arbeitnehmeranteil 2027 |
|---|---|---|---|---|
| Kinderlos ab 23 | 4,20 % | 4,50 % | 76,80 Euro | 86,40 Euro |
| Ein Kind | 3,60 % | 3,60 % | 57,60 Euro | 57,60 Euro |
| Zwei Kinder unter 25 | 3,35 % | 3,35 % | 49,60 Euro | 49,60 Euro |
| Drei Kinder unter 25 | 3,10 % | 3,10 % | 41,60 Euro | 41,60 Euro |
| Vier Kinder unter 25 | 2,85 % | 2,85 % | 33,60 Euro | 33,60 Euro |
| Fünf und mehr Kinder unter 25 | 2,60 % | 2,60 % | 25,60 Euro | 25,60 Euro |
Heute liegt ein Elternteil mit einem Kind 19,20 Euro im Monat unter einem kinderlosen Kollegen mit gleichem Gehalt. Ab 2027 wären es 28,80 Euro, im Jahr 345,60 Euro. Das zweite Kind bringt unverändert 8 Euro im Monat oder 96 Euro im Jahr. Das Verhältnis wächst damit von 2,4 zu 1 auf 3,6 zu 1.
Rentnerinnen und Rentner tragen den Pflegebeitrag allein
Bei der gesetzlichen Rente übernimmt die Rentenversicherung keinen Anteil am Pflegebeitrag. Rentnerinnen und Rentner zahlen den vollen Satz. Eine Rentnerin mit 1.700 Euro Bruttorente und erwachsenen Kindern zahlt 3,6 Prozent, also 61,20 Euro. Ein kinderloser Rentner mit gleicher Rente zahlt heute 71,40 Euro, ab 2027 wären es 76,50 Euro.
Der Abstand zwischen beiden stiege von 10,20 auf 15,30 Euro im Monat. Für den kinderlosen Rentner bedeutet die Reform 5,10 Euro weniger Rente pro Monat, aufs Jahr gerechnet 61,20 Euro.
Bundestag beginnt Beratung, SPD kündigt Nachbesserungen an
Beschlossen ist der höhere Pflegebeitrag noch nicht. Nach Medienberichten steht die erste Lesung im Bundestag am 5. November 2026 auf der Tagesordnung, danach ist der Gesundheitsausschuss federführend. Die SPD-Fraktion hat angekündigt, einseitige Belastungen im Entwurf nicht ohne Änderungen mittragen zu wollen. Auch der Bundesrat muss sich noch mit dem Gesetz befassen (Stand: 4. November 2026). Ob der Zuschlag pünktlich zum 1. Januar 2027 steigt, hängt vom Tempo dieses Verfahrens ab.
Gericht hält die Altersgrenze beim Pflegebeitrag für zulässig
Ob die Befristung der Geschwisterabschläge verfassungsgemäß ist, hat das Bayerische Landessozialgericht geprüft. Eine Rentnerin mit drei erwachsenen Kindern wollte die Abschläge dauerhaft behalten. Das Gericht wies die Berufung mit Urteil vom 30. September 2026 zurück (Az. L 20 P 18/24), veröffentlicht wurde die Entscheidung am 27. Oktober 2026. Der Gesetzgeber dürfe die zusätzliche Entlastung auf die Jahre begrenzen, in denen Kinder Eltern typischerweise finanziell belasten. Nach Berichten ist die Revision zum Bundessozialgericht zugelassen.
Ausgangspunkt der Staffelung ist der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 7. April 2022 (Az. 1 BvL 3/18 u. a.). Die Richter hielten es für unvereinbar mit dem Gleichheitssatz, Eltern unabhängig von ihrer Kinderzahl gleich hoch zu belasten. Wie lange und in welcher Höhe weitere Kinder berücksichtigt werden, hat das Gericht dem Gesetzgeber überlassen.
Häufige Fragen zum Pflegebeitrag 2027
Ab wann gilt der höhere Kinderlosenzuschlag?
Laut Regierungsentwurf ab dem 1. Januar 2027. Voraussetzung ist, dass Bundestag und Bundesrat das Pflegeneuordnungsgesetz rechtzeitig verabschieden. Bis dahin bleibt es beim Zuschlag von 0,6 Punkten.
Wer muss den Kinderlosenzuschlag nicht zahlen?
Ausgenommen sind Mitglieder bis zum Ablauf des Monats, in dem sie 23 werden, sowie vor 1940 Geborene und Wehrdienstleistende. Auch Beziehende von Grundsicherungsgeld nach dem SGB II zahlen keinen Zuschlag. Eltern sind dauerhaft befreit, auch Stief- und Pflegeeltern unter bestimmten Voraussetzungen.
Wie viel kostet die Erhöhung bei 2.500 Euro Bruttolohn?
Kinderlose Beschäftigte zahlen 0,3 Punkte mehr, also 7,50 Euro im Monat oder 90 Euro im Jahr. Der Arbeitgeber beteiligt sich daran nicht. Bei Eltern ändert sich der Beitrag durch die Reform nicht.
Was gilt, wenn ein Kind beim Beitrag nicht erfasst ist?
Seit Juli 2025 werden Kinder im Regelfall automatisiert über das Bundeszentralamt für Steuern gemeldet. Fehlt ein Kind, etwa ein Stiefkind, kann der Nachweis bei Arbeitgeber oder Pflegekasse nachgeholt werden. Erfolgt er innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt, wirkt er ab dem Geburtsmonat, sonst ab dem Folgemonat.
Einschätzung der Redaktion
Die Reform ist für Eltern auf dem Papier neutral, ihre Wirkung ist es nicht. Wer Kinderlose stärker belastet und die Abschläge für Mehrkindfamilien einfriert, wertet das erste Kind auf und das dritte relativ ab. Das passt schlecht zu einem Gesetz, das ausdrücklich als Folge des Karlsruher Auftrags entstanden ist, die Kinderzahl stärker zu berücksichtigen. Acht Euro im Monat für ein weiteres Kind sind wenig, gemessen an dem, was Familien für ein zweites oder drittes Kind tatsächlich aufbringen. Der Bundestag hätte jetzt Gelegenheit, die Abschläge im gleichen Verhältnis anzupassen. Ob er sie nutzt, wird das Verfahren zeigen.