Während Bürgergeld-Bezieher jeden Cent ihrer Ausgaben offenlegen müssen, hat das Jobcenter Bremen einen Besprechungsraum mit Designermöbeln ausstatten lassen – Kosten: rund 906.000 Euro. Die Trägerversammlung hat Geschäftsführer Thorsten Spinn deswegen am 12. Juni 2026 mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden, wie unter anderem das ZDF berichtete. Der Fall ist damit längst nicht ausgestanden: Inzwischen hat die CDU-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft eine Kleine Anfrage gestellt, und ein zweiter Vorgang wirft zusätzliche Fragen auf.
Wie aus 99.000 Euro fast eine Million wurde
Geplant war der sogenannte „Kreativraum“ ursprünglich deutlich kleiner: Laut CDU-Fraktion waren im Jahr 2022 zunächst maximal 99.000 Euro für das 98 Quadratmeter große Tagungszimmer am Standort Utbremer Straße vorgesehen. Eingerichtet wurde der Raum 2024. Bekannt wurde die Angelegenheit erst Ende Mai 2026, zunächst mit einer Kostenangabe von rund 600.000 Euro. Ein vom Weser-Kurier ausgewerteter Bericht, den Sozialsenatorin Claudia Schilling angefordert hatte, korrigierte die Summe anschließend auf 906.000 Euro. Zusätzlich sollen 293.000 Euro für einen weiteren Raum eines Projekts für Frauen in der Arbeitswelt angefallen sein. Ob bei der Vergabe eine förmliche öffentliche Ausschreibung unterblieben ist, wie die CDU vermutet, ist bislang nicht behördlich bestätigt.
Die Trägerversammlung zieht die Reißleine
Das Jobcenter Bremen ist eine gemeinsame Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit und der Stadt Bremen, gesteuert durch eine Trägerversammlung aus beiden Seiten. Genau dieses Gremium erklärte, über die hohen Ausgaben nicht informiert gewesen zu sein. Arbeitssenatorin Claudia Schilling sagte, die vorliegenden Erkenntnisse hätten das Vertrauen der Träger in die Geschäftsführung „nachhaltig erschüttert“. Spinn, seit September 2020 im Amt, musste seinen Posten sofort räumen. Eine dauerhafte Nachbesetzung der Geschäftsführung ist nach aktuellem Stand noch nicht entschieden.
Der zweite Fall: Kündigung kurz vor der Affäre
Nur wenige Tage vor der Abberufung sorgte ein anderer Vorgang bei der Behörde für Schlagzeilen. Anfang Juni kündigte das Jobcenter dem langjährigen Mitarbeiter Fred Göcken fristlos, nachdem er sich in einer ZDF-Dokumentation öffentlich kritisch geäußert hatte – unter anderem mit der Aussage, Geldausgeben sei die zentrale Aufgabe der Behörde, und mit dem Hinweis auf eine seiner Einschätzung nach hohe Quote falscher Angaben bei Bürgergeld-Anträgen. Belastbare amtliche Statistiken dafür nannte er nicht, und das Jobcenter äußerte sich zu der Kündigung öffentlich nicht. Die zeitliche Nähe der beiden Fälle lässt bei Beobachtern den Eindruck entstehen, dass interne Kritik schärfer sanktioniert wurde als die eigenen, deutlich teureren Versäumnisse der Behördenführung.
Die CDU will Antworten
Am 16. Juni 2026 reichte die CDU-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft eine Kleine Anfrage ein. Sie fragt gezielt nach den genauen Kosten, dem Vergabeverfahren, möglichen Disziplinarmaßnahmen und etwaigen Regressforderungen gegen Verantwortliche. In ihrer Pressemitteilung spricht die Fraktion von „Verschwendung von Steuergeld“ und „den falschen Prioritäten“ einer Behörde, die zugleich strenge Mitwirkungspflichten von Leistungsbeziehenden durchsetzt.
Was noch offen ist
Nach aktuellem Stand gibt es weder ein bestätigtes Ermittlungsverfahren noch eine Prüfung durch den Landesrechnungshof oder die Innenrevision der Bundesagentur für Arbeit, die öffentlich dokumentiert wäre. Die von der Trägerversammlung angekündigten „weiteren organisatorischen, personellen und haushaltsrechtlichen Konsequenzen“ stehen ebenfalls noch aus. Bis Antworten auf die CDU-Anfrage vorliegen und die Frage der dauerhaften Nachbesetzung geklärt ist, bleibt offen, ob es sich um ein einmaliges Fehlmanagement oder ein strukturelles Kontrollproblem handelt – zumal schon zur Jahresmitte 2024 öffentlich wurde, dass das Jobcenter sein Jahresbudget nahezu vollständig ausgegeben oder verplant hatte.
Häufige Fragen zum Jobcenter-Bremen-Skandal
Wie viel hat der „Kreativraum“ tatsächlich gekostet?
Nach der korrigierten Kostenangabe rund 906.000 Euro, deutlich mehr als die zunächst genannten 600.000 Euro und weit über dem ursprünglich 2022 veranschlagten Budget von maximal 99.000 Euro.
Was ist mit Geschäftsführer Thorsten Spinn passiert?
Er wurde am 12. Juni 2026 von der Trägerversammlung mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Eine dauerhafte Nachfolgeregelung steht noch aus.
Gibt es einen Zusammenhang zur Kündigung von Fred Göcken?
Ein direkter, behördlich bestätigter Zusammenhang ist nicht belegt. Die zeitliche Nähe – fristlose Kündigung Anfang Juni, Abberufung des Geschäftsführers nur wenige Tage später – wird in der politischen Debatte aber ausdrücklich thematisiert.
Wird der Fall politisch weiter aufgearbeitet?
Ja. Die CDU-Fraktion hat am 16. Juni 2026 eine Kleine Anfrage zu Kosten, Vergabe und möglichen Konsequenzen gestellt; eine Antwort der Behörde steht noch aus.
